Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Liebe Brüder und Schwestern! Im heutigen Sonntagsevangelium haben wir das Gleichnis von den Talenten gehört. Der Herr spricht von einem Menschen, der, als er in ein fremdes Land reiste, seine Knechte rief und ihnen sein Vermögen anvertraute: einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem dritten eines.
Warum einem fünf, einem anderen zwei und einem dritten nur eines? Wenn man die Talente als Bild jener Gaben versteht, die der Mensch von Gott empfängt, wird die Frage noch drängender: Der eine ist mit Verstand begabt, der andere mit starkem Willen, einem fällt Barmherzigkeit leicht, während das Leben eines anderen äußerlich viel ärmer erscheint.
Auf den ersten Blick mag das ungerecht erscheinen. Doch Christus sagt: „einem jeden nach seinen Kräften“ (Mt 25,15). Darum ist das Talent im Gleichnis nicht einfach etwas, was der Mensch besitzt. Es ist etwas, was ihm anvertraut ist.
Der Herr verlangt von den Knechten auch nicht dasselbe Ergebnis: Der eine verdoppelt fünf Talente, der andere zwei, und beide hören dieselben Worte: „Wohl, du guter und getreuer Knecht! Du bist über Weniges getreu gewesen; ich will dich über Vieles setzen; gehe ein in die Freude deines Herrn“ (Mt 25,21.23).
Noch tiefer verstehen lässt uns dies das andere heutige Evangelium – jenes, das uns die Kirche vor dem Fest der Kreuzerhöhung des Herrn anbietet. Es sind die Worte aus dem Evangelium nach Johannes: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16).
Sieh, welche Gabe Gott dem Menschen gibt: Er gibt Seinen Sohn hin. Gott wird Mensch und tritt in unser Leben ein, um uns zum Heil zu führen. Die größte Gabe, die der Mensch empfängt, ist Christus Selbst.
Fünf, zwei oder eines – jeder hat seine eigenen Gaben. Doch die größte Gabe Gottes ist diese eine für jeden: Christus ist um jedes Menschen willen in die Welt gekommen. Niemand kann sagen, ihm sei nichts gegeben. Und dann wird deutlicher, was es heißt, das empfangene Talent zu vermehren: Es kommt darauf an, ob die Gabe Gottes in unserem Leben Frucht bringt.
Der dritte Knecht erhielt nur ein einziges Talent. Aber eines war genug. Sein Unglück lag nicht darin, dass ihm weniger als den anderen gegeben wurde. Er tat nichts damit, was er empfangen hatte. Aus Furcht vergrub er das Talent: Er hielt den Herrn für einen harten Menschen (Mt 25,24–25).
Doch das Kreuz, das wir in wenigen Tagen feierlich verherrlichen werden, zeigt, wie der Herr wirklich ist: Christus gibt Sich Selbst für den Menschen hin. Darum ist unser Leben in Christus die Antwort auf die uns bereits erwiesene Liebe.
Und dennoch kann der Mensch diese Gabe annehmen und sie unbeantwortet lassen. Er wurde getauft, doch sein Glaube blieb im weiteren Verlauf nur ein Eintrag in der Taufurkunde, ein Häkchen in der Biographie. Denn die Taufe ist eigentlich der Anfang des Lebens in Christus. Danach wächst es: Gebet, Werke der Liebe, Kampf gegen die Sünde, Teilnahme an den Sakramenten.
Darin besteht die Treue der ersten beiden Knechte, darin die Vermehrung der Talente: Die von Gott empfangene Gabe bringt Frucht im Leben des Menschen. Der Glaube wird zur Liebe, und das Leben, das Gott uns geschenkt hat, wird zum Leben mit Ihm und für den Nächsten.
Darum bittet uns auch der Apostel Paulus in der heutigen Lesung: „…dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget (…) Siehe, jetzt ist die angenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2 Kor 6,1–2).
Der Herr vergleicht uns nicht miteinander: Er kennt unsere Kräfte, unsere Umstände und unser Maß. Doch einst wird der Mensch Dem begegnen, der ihm diese Gabe anvertraut hat. Und dann wird sichtbar werden, was mit dem geschehen ist, was Gott gerade ihm anvertraut hat.
Wir alle kommen zu Gott mit unserem eigenen Maß: mit dem, was gelungen ist, und mit dem, was nicht gelungen ist; mit unserer Treue und unserem Versagen. Doch solange uns das Leben gegeben ist, können wir uns nach dem Fall wieder an Ihn wenden, wieder das uns Anvertraute aufnehmen und es zum Guten gebrauchen.
Und unsere Hoffnung ist, einst dieselben Worte zu hören, die die treuen Knechte hörten: „Wohl, du guter und getreuer Knecht! Gehe ein in die Freude deines Herrn“. Amen.