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Predigt zum Sonntag des Gelähmten (2026)

Apg 9:32-42; Joh 5:1-15

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 91
Predigt zum Sonntag des Gelähmten (2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Christus ist auferstanden!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, das heutige Evangelium führt uns zum Teich Betesda – dem „Haus der Barmherzigkeit“. Dieser Name klingt fast wie ein Vorwurf angesichts des stummen Leids, das dort herrscht. Eine Menge von Kranken, Blinden, Lahmen, Erschöpften harrt in Erwartung eines Wunders aus, das anscheinend nur zufällig geschieht. Die heilige Stadt, von Gott erwählt, Ort des Tempels und des Gottesdienstes – und daneben so viel menschlicher Schmerz. Wie kann es in der Stadt des großen und barmherzigen Gottes so viel Leid geben?

In den Tagen Christi erklärten viele dies einfach: Schuld ist die Sünde. Jemand habe das Gesetz Gottes übertreten, ein anderer sei nicht eifrig genug in den Geboten gewesen, darum liegen die Gelähmten und Bettler an den Toren. Und daran ist etwas Wahres – die Sünde zerstört den Menschen tatsächlich. Aber eine solche Wahrheit wird leicht zu oberflächlich: Sie klagt an, aber heilt nicht; sie weist auf eine mögliche Ursache hin, führt aber nicht zu Gott.

In dieser düsteren Erwartung lebt ein Mensch, der seit achtunddreißig Jahren leidet. Der Herr fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ – das heißt: Willst du ganz, heil werden, ins Leben zurückkehren?

Die Antwort des Gelähmten ist traurig: „Ich habe keinen Menschen.“ In diesen Worten liegt die ganze Last der gefallenen Welt: Krankheit, Einsamkeit, die Gewöhnung daran, dass von niemandem Hilfe zu erwarten ist.

Und dann tut Christus, was niemand tun konnte – Er befreit den Menschen von seiner schweren Last. Und statt der früheren Bürde – achtunddreißig Jahre Krankheit – trägt er nun nur noch seine Matte.

Später, als Er ihn im Tempel trifft, sagt der Herr: „Siehe, du bist gesund geworden. Sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Was kann schlimmer sein als achtunddreißig Jahre Hilflosigkeit? Das bedeutet, der Herr spricht nicht nur von der körperlichen Krankheit. Es gibt einen Zustand, der schlimmer ist – die Verletzung der Seele, die Entfernung von Gott.

Die Heilung geschieht am Sabbat – dem Tag, an dem selbst die geringste Arbeit als Gesetzesbruch galt. Die Heilung des Gelähmten erscheint daher wie eine Provokation. Doch Christus befiehlt dem Gelähmten, seine Matte zu nehmen und zu gehen.

Die Empörung der Juden ist verständlich. Sie eiferten für das Gesetz. Aber hinter dem Buchstaben des Gesetzes erkannten sie den Menschen nicht, sie sahen nicht, dass seine Last nicht die Matte war, sondern achtunddreißig Jahre des Leidens und der Hilflosigkeit. Sie bemerkten eine Gebotsübertretung – und übersahen dabei die Barmherzigkeit Gottes.

Der Prophet Jesaja verkündete Jahrhunderte zuvor die Zeichen der messianischen Zeit: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen jauchzt.“ (Jes 35,5–6). Eben auf diese Zeichen beruft sich Christus, als aus dem Gefängnis die Jünger Johannes des Täufers mit der Frage kommen: „Bist Du es, der da kommen soll?“ Der Herr antwortet: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt.“ (Mt 11,4–5).

Darin liegt die Tragödie der Szene am Schaftor. Die jüdischen Gesetzeslehrer kannten die Schrift. Sie lasen auch den Propheten Jesaja. Sie erwarteten das Kommen des Heilands. Doch als sich vor ihren Augen die Prophezeiung erfüllte – ein Mensch, der achtunddreißig Jahre an sein Lager gefesselt war und plötzlich aufstand –, sahen sie nur eine Verletzung des Sabbatgebots.

Und das ist nicht nur ihr Problem. Auf ähnliche Weise kann auch unser Blick fehlgehen: Wir achten darauf, ob wir uns richtig bekreuzigen, fasten, die Ordnungen halten – und vergessen, dass der Sinn der Gebote nicht in der Einschränkung des Guten liegt, sondern im Leben vor Gott. Und wenn das Herz das lebendige Wirken Gottes nicht mehr sieht, dann kann auch der Besuch der Kirche zur bloßen Gewohnheit werden und das Gebet zur bloßen Pflicht.

Dabei konnte der Gelähmte sich ja nicht selbst retten, so sehr er sich auch bemühte und so viele Regeln er auch befolgte. Und an Glauben mangelte es ihm nicht – selbst nach achtunddreißig Jahren verlor er die Hoffnung nicht. Doch seine Rettung geschah nicht aus eigener Kraft. Nicht Anstrengung und nicht Korrektheit fehlten ihm, sondern Christus Selbst – Er, der zu ihm trat. Es war die Begegnung mit dem lebendigen Gott – demselben Herrn, der, wie wir in der heutigen Apostellesung (Apg 9,32–42) hörten, durch Petrus den gelähmten Äneas heilt und Tabita auferweckt.

Der Gelähmte am Teich sagte: „Ich habe keinen Menschen“, aber in der Kirche ist dieser „Mensch“ – Christus – immer gegenwärtig. Denn die Kirche ist nicht einfach ein Ort, an dem man sich früherer Wunder erinnert, sondern eine Wirklichkeit, in der Christus nach wie vor präsent ist und heilt, indem Er durch Menschen handelt.

Der Geheilte trug seine Matte als Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. Seine Ankläger aber sahen darin nur ein Vergehen. Alles entscheidet sich darin, mit welchem Blick wir schauen: Sehen wir nur das Äußere – oder erkennen wir das Wirken Gottes.

Deshalb ist es für uns wichtig, nicht nur die Schrift zu kennen, nicht nur die Gebote zu halten, sondern zu lernen, Christus selbst zu erkennen – Ihn, der mitten unter uns handelt.

Damit wir nicht an Seinem Werk vorübergehen, sondern das an jeden von uns gerichtete Wort hören: „Steh auf … und geh!“ Amen.

Christus ist auferstanden!

Geschrieben von Roman Bannack, Priester