predigt

Predigt zum Sonntag des Zöllners und Pharisäers (2026)

Lk 18:10-14

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 7
Predigt zum Sonntag des Zöllners und Pharisäers (2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Liebe Brüder und Schwestern, das Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer ist eines der bekanntesten Gleichnisse des Evangeliums. Es ist so tief in unsere Sprache und unser Bewusstsein eingedrungen, dass der Begriff „Pharisäertum“ längst zu einem geflügelten Wort geworden ist. Und doch stellt uns dieses Gleichnis jedes Jahr erneut vor die Frage, die nichts von ihrer Schärfe verliert: Wie stehen wir vor Gott – und mit welcher inneren Haltung wenden wir uns an Ihn?

Das Evangelium verschweigt keine Details. Der Pharisäer betet, im Tempel stehend, und beginnt mit einem Dank an Gott. Er zählt seine Taten auf, seine Enthaltsamkeit, seine Gerechtigkeit – und er spricht im Grunde die Wahrheit. Er fastet tatsächlich, er bemüht sich wirklich, das Gesetz zu halten. Aber sein Dank wandelt sich zum Vergleich: „Ich bin nicht wie die übrigen Menschen ... oder wie dieser Zöllner hier.“ Und deshalb, nach den Worten Christi selbst, „erhöht er sich selbst“ – und geht nicht gerechtfertigt davon.

Der Zöllner hingegen zählt nichts auf. Er erklärt nichts, rechtfertigt sich nicht, beruft sich nicht auf die Umstände oder schwere Zeiten. Er hebt nicht einmal seine Augen auf, sondern schlägt an seine Brust und spricht ein kurzes Gebet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Und gerade er wird, nach dem Wort des Herrn, gerechtfertigt.

Warum? Darauf gibt uns schon das Alte Testament eine Antwort. Durch den Propheten Jesaja offenbart Gott Selbst, wo Er wohnt: „Ich thron in der Höhe und im Heiligtum – und bei denen, die zerschlagenen und gebeugten Geistes sind, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen“ (Jes 57,15).

Deshalb ist der Zöllner trotz seines sündhaften Lebens Gott näher als der Pharisäer mit seiner genauen Gesetzeserfüllung – weil das zerschlagene und demütige Herz zum Ort der Gegenwart Gottes wird. Der hl. Johannes Chrysostomus erinnert daran, dass es keine besondere Tugend ist, sich einen Sünder zu nennen, wenn es der Wahrheit entspricht. Die Tugend liegt in der Ehrlichkeit vor Gott, ohne Beschönigungen und Selbsttäuschungen.

Im Gegensatz dazu wird die Gerechtigkeit des Pharisäers bei diesem zum Maßstab, mit dem er andere richtet. Und hier berührt das Gleichnis uns selbst. Haben wir nicht auch unsere einstudierten „Zeichen der Frömmigkeit“, unsere richtigen Worte, unsere etablierten Erscheinungsformen der Demut? Wir sprechen leicht von unserer Sündhaftigkeit „im Prinzip“ – aber wird dies nicht manchmal zu genau einer solchen Form, hinter der im Grunde unsere Selbstgerechtigkeit lauert?

Es ist kein Zufall, dass gerade an diesem Sonntag, an dem wir den Weg zur Großen Fastenzeit bereits betreten haben, uns dieses Gleichnis vor Augen gestellt wird. Die Fastenzeit ist eine Zeit des geistlichen Eifers, der Anstrengungen und – ja – auch von Regeln, und gerade deshalb kann sie für den pharisäischen Geist gefährlich werden. Aus der gesamten evangelischen Verkündigung unseres Heilands erinnert uns die Kirche jedoch immer wieder daran: Die genaue Befolgung von Regeln, selbst frommer, rettet an sich nicht. Viel wichtiger ist, mit welchem Herzen der Mensch vor Gott steht.

So sehen wir also klar: Nicht einmal die Sünden selbst stoßen uns von Gott ab – denn zu wem wäre dann Christus gekommen? – sondern der Hochmut, die Selbstgefälligkeit und das Fehlen von Demut. Gerade sie machen das Herz für die Gnade unzugänglich. Die Demut hingegen öffnet den Weg zu Gott, der „den Hochmütigen widersteht, den Demütigen aber Gnade gibt“ (1 Petr 5,5). Mehr noch, die Demut des Zöllners – und jede echte menschliche Demut – begegnet der Demut Christi Selbst, der, nach den Worten des Apostels, „Sich Selbst erniedrigte“ (Phil 2,8). Unsere Zerknirschung trifft auf die Demut des Gottessohnes, der Sich Selbst um unseretwillen demütigte, und das ist es, wodurch der Mensch gerettet wird.

Liebe Brüder und Schwestern, das heutige Evangelium sagt uns nicht so sehr, was wir im Gebet sagen sollen, sondern vielmehr, wie wir vor Gott stehen sollen. Das Gebet des Zöllners macht uns nicht gerecht – jedoch öffnet es die Tür, durch die der einzig Gerechte eintreten kann. Möge das Gebet des Zöllners für uns nicht zu einer auswendig gelernten Formel werden, sondern zu einer lebendigen und ehrlichen Anrufung Gottes: Gott, sei mir Sünder gnädig! Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester