Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Christus ist auferstanden!
Der Sonntag nach Ostern bewahrt noch das Licht und die Freude der Osternacht. Aber die Kirche tritt bereits wieder in den gewöhnlichen Rhythmus ein. Die Königspforte wird wieder geschlossen, und die heutige Evangeliumslesung führt uns zurück in jenes Obergemach, wo die Türen verschlossen waren „aus Furcht vor den Juden“. Dort feiern die Jünger noch nicht, predigen nicht, begreifen noch nicht völlig, was geschehen ist. Sie verstecken sich. Und genau dorthin kommt der auferstandene Christus und tritt mitten unter sie.
Er kommt in ihre Angst, ihre Bestürzung, ihre Ratlosigkeit – und spricht: „Friede sei mit euch!“
Nur einer fehlte – Thomas. Als die Jünger zu ihm sagten: „Wir haben den Herrn gesehen“, antwortet er bestimmt: „Wenn ich nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nicht.“
Oft ist man schnell dabei, Thomas zu verurteilen. Aber der Herr verurteilt ihn nicht. Nach acht Tagen kommt Christus wieder – und zwar um eines einzigen Menschen willen. Christus kehrt nicht zurück, um den Zweifel herabzuwürdigen, sondern um dessentwillen, der nicht sofort glauben konnte. Um dessentwillen, der suchte.
Es ist wichtig, das zu hören. Der Zweifel kann verschieden sein. Es gibt einen stolzen Zweifel, der an der Wahrheit gar nicht interessiert ist. Und es gibt einen aufrichtigen Zweifel, der sich vergewissern möchte, weil es um Leben und Tod geht. Er entspringt tiefem Schmerz, der Weigerung, mit Illusionen leben zu müssen. Thomas spielt den Unglauben nicht nur. Für ihn ist die Auferstehung kein abstrakter Streit und keine theologische Fragestellung. Wenn Christus auferstanden ist, dann ändert sich alles. Wenn nicht, dann bricht alles zusammen. Und der Herr lässt ihn nicht außen vor. Er kehrt zurück, damit Thomas die Wunden berühren kann.
Darum fällt die Antwort des Thomas so profund aus. Als er die Gewissheit erhält, sagt er nicht einfach: „Ja, das ist wahr. Ja, du bist auferstanden.“ Er beschränkt sich nicht auf die Anerkennung der Tatsache. Denn auch die Dämonen wissen, wer Christus ist, und zittern. Wissen allein genügt nicht.
Thomas fällt zu Füßen des Heilands nieder und spricht: „Mein Herr und mein Gott!“ Nicht einfach „Herr“. Nicht nur „Gott“. Sondern „mein“!
Hier geschieht das Wunder. Thomas suchte nicht nach Informationen, sondern nach dem Heil – er suchte die Wahrheit, ohne die man nicht leben kann. Und als er sie findet, gab er sich Christus hin.
Viele sagen auch heute: Wenn man mir einen Beweis gäbe, würde ich glauben. Aber das Evangelium zeigt: Der Beweis an sich rettet niemanden. Denkt an das Gleichnis vom Reichen und Lazarus; der Herr übermittelt darin die Worte des Stammvaters Abraham: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht glauben, wenn einer von den Toten aufersteht.“ (vgl. Lk 16,31). Man kann Wunder sehen – und doch verstockt bleiben. Man kann die ganze Schrift kennen – und dabei Christus ans Kreuz schlagen. Man kann von der Auferstehung hören – und weiterleben wie zuvor.
Gott zwingt nicht zur Liebe. Mit Gewalt kann man die Anerkennung einer Tatsache erzwingen, aber nicht die Liebe. Darum offenbart sich der Herr so, dass der Mensch frei antworten kann.
Und wenn wir Ihn wirklich suchen – und nicht eine Rechtfertigung für unsere Gleichgültigkeit –, dann findet Er uns selbst. So hat Er Thomas gefunden. So findet Er auch uns heute, wenn wir Ihn nur aufrichtig suchen. Der Herr kommt auch jetzt in unseren „Obergemach“ – in die Kirche – und lässt ein suchendes Herz nicht ohne Antwort.
Vielleicht steht jemand in der Kirche mit Fragen, mit innerem Kampf, mit Unglauben, mit Schmerz. Man soll nicht so tun, als gäbe es keine Fragen. Wichtig ist etwas anderes: Wonach suchen wir? Nach einer Rechtfertigung für unsere geistliche Faulheit – oder nach Christus?
Denn es heißt: „Sucht, so werdet ihr finden“ (Mt 7,7). Noch genauer könnte man sagen: Wenn wir Ihn wirklich suchen, dann findet Er uns zuerst.
Dann wird auch vor uns derselbe Christus stehen, der dem Thomas erschienen ist. Und die Frage wird nicht sein, ob wir genug Beweise haben, sondern ob wir bereit sind, Ihm unser Herz anzuvertrauen und zu sagen: Mein Herr und mein Gott.
Amen. Christus ist auferstanden!