kirche, hl.simeon

Hl. Simeon vom Wunderbaren Berge (Vita aus dem rumänischen Menaion)

| Zugriffe: 10.118
Hl. Simeon vom Wunderbaren Berge (Vita aus dem rumänischen Menaion)

Die vorliegende Vita des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge ist aus dem rumänischen Menaion übersetzt und stellt die vollständige erhaltene Version dar (im russischen Menaion findet sich lediglich eine Kurzfassung) - und obwohl in dieser Vita selbst davon die Rede ist, dass es noch eine ausführlichere Version geben muss ("Welcherlei und wie viele Wunder der heilige Simeon wirkte und wie wundersam seine Taten waren, steht ausführlich geschrieben im Buche seines Lebens. Doch hier werden nur wenige seiner vielen Wunder gedacht, auf dass die Rede nicht zu weitläufig werde und der Lesende wie auch der Hörende nicht ermüde."), so ist diese nicht bekannt. Die Vita wurde im 7. Jahrhundert verfasst und ist vom Genre her eine klassische Heiligenlegende.

Ein Teil der Reliquien des hl. Simeon vom Wunderbaren Berge findet sich im Neamts-Kloster in Rumänien.

Monat Mai, am vierundzwanzigsten Tage.

Der Heilige Simeon, der Säulenheilige, vom Wunderbaren Berge

Es begab sich, dass ein Jüngling, mit Namen Johannes, mit seinen Eltern von Edessa gen Antiochia zog. Als nun seine Eltern ihn zu vermählen trachteten, erblickten sie eine schöne Jungfrau, welche Martha hieß, und baten deren Eltern, sie ihrem Sohne zur Gemahlin zu geben. Die Eltern der Jungfrau willigten hierin ein; doch die Jungfrau selbst begehrte nicht, sich zu vermählen, da sie vielmehr Christi Braut zu werden wünschte und ihre Jungfräulichkeit unbefleckt zu bewahren gedachte. Als sie aber von ihren Eltern zur Ehe genötigt ward, eilte sie zur Kirche des Heiligen Vorläufers, welche vor den Toren der Stadt Antiochia lag, und fiel dort nieder, unter Tränen flehend, der Herr möge ihr das Heilsame weisen. Und es ward ihr dort eine göttliche Erscheinung zuteil, welche ihr gebot, den Eltern zu gehorchen und sich mit dem Manne zu vermählen. Die Jungfrau nun, dem Willen des Herrn sich fügend, vermählte sich mit Johannes. Und sie ward ihm nicht nur eine treue Helferin, sondern auch eine weise Führerin zum Heile, indem sie ihn zu allem guten Werke ermahnte. Also schmückten sie ihr Leben mit Fasten, Enthaltsamkeit und Gebet, sich eifrig bemühend, Gott wohlzugefallen.

Und oftmals begab sich die gottselige Martha zur Kirche des heiligen Vorläufers und flehte mit großer Inbrunst zum heiligen Johannes, dem Schutzpatron jener Kirche, dass er ihr durch sein Fürbittengebet bei Gott die Gnade erwirke, einen Knaben zu gebären. Dafür gelobte sie, dass, wenn sie einen Knaben gebären würde, sie ihn Gott darbringen wolle, gleichwie Anna den Samuel zum Dienste darbrachte. Nach Verlauf eines Jahres erschien ihr im nächtlichen Gebet, als sie leicht entschlief, der heilige Johannes der Vorläufer in seiner Kirche und sprach zu ihr: „Sei getrost, Weib, denn dein Gebet ward erhört, und du wirst dein Begehren erlangen. Zum Zeichen des göttlichen Segens sei dir dieser Wohlgeruch.“ Und der heilige Johannes der Täufer reichte ihr ein Stück wohlriechenden Weihrauchs und sprach zu ihr: „Beräuchere dein Haus damit.“

Und als Martha aus ihrem Schlummer erwachte, fand sie in ihrer Hand jenes Stück Weihrauch, dessen Duft von unsagbarer Süße war. Danach erschien ihr wiederum der Vorläufer und sprach zu ihr: „Gehe zu deinem Manne, denn du wirst einen Sohn empfangen, und du sollst ihn Simeon nennen. Er wird Milch nur von der rechten Brust saugen, die linke aber wird er nicht berühren, denn er wird ein Sohn der Gerechtigkeit sein. Er wird weder Fleisch noch Wein noch irgendeine Speise kosten, die mit menschlicher Kunstfertigkeit bereitet ist, sondern nur Brot, Honig und Salz; sein Trank aber wird Wasser sein. Dir nun gebührt es, ihn mit aller Sorgfalt in seiner Kindheit zu hüten, als einen, der ein heiliges Gefäß sein wird zum Dienste des Herrn, unseres Gottes. Nach zwei Jahren aber, von seiner Geburt an gerechnet, sollst du ihn hierher bringen, in meine Kirche, und ihn taufen lassen. Nachdem er der Gnade der Heiligen Taufe gewürdigt worden ist, dann wird dir verkündet werden, was aus diesem Kinde werden soll.“

Die Martha aber, erfüllt von Furcht und unaussprechlicher Freude ob dieser Erscheinung, brachte Gott und dem heiligen Johannes dem Vorläufer großen Dank dar. Hernach aber, heimkehrend zu ihrem Manne, empfing sie ein Kind in ihrem Schoße, und als die Zeit sich erfüllte, gebar sie ohne Schmerz einen Sohn, welchen sie Simeon nannte und von der rechten Brust nährte. Ein andermal aber, wollte sie sich wahrlich dessen versichern, was ihr in der Erscheinung vom heiligen Johannes dem Vorläufer verkündet worden war, dass der Knabe die linke Brust nicht anrühren würde; da legte sie ihn an die linke Brust, er aber, weinend, wandte sein Haupt ab, nicht wollend zu saugen.

Zudem begab sich folgendes Wunder: Wenn die Mutter an irgendeinem Tage Fleisch oder Wein zu sich nahm, wollte das Kindlein an jenem Tage die Brust nicht saugen, sondern verblieb hungrig bis zum nächsten Tage. Als die Mutter diese Ursache erkannte, enthielt sie sich fortan jeden Tag von Fleisch und Wein und nährte durch ihr Fasten denjenigen, der einst ein großer Faster werden sollte.

Als aber das Kindlein das Alter von zwei Jahren erreicht hatte, führten seine Eltern es zur Kirche des heiligen Vorläufers, wo es die heilige Taufe empfing. Und alsbald nach der heiligen Taufe sprach das Kindlein diese wundersamen Worte: „Ich habe einen Vater und habe keinen Vater; ich habe eine Mutter und habe keine Mutter.“ Und diese Worte wiederholte es sieben Tage lang ununterbrochen, darob sich sowohl die Eltern als auch alle, die es vernahmen, aufs Höchste verwunderten; und sie erkannten, dass es bestimmt war, nicht den irdischen, sondern den himmlischen Dingen zu folgen. Als das Kindlein von der Mutterbrust entwöhnt war, speiste es sich fortan von Brot, Honig und Wasser; denn Fleisch rührte es keineswegs an und wollte auch keinerlei gekochte Speise zu sich nehmen.

Als das Kindlein fünf Jahre zählte, geschah zu Antiochia ein großes Erdbeben, zur Zeit der Herrschaft des großen Kaisers Justinian. In diesem Erdbeben stürzten gar viele Häuser ein, welche ihre Bewohner unter sich begruben; desgleichen fiel auch das Haus seiner Eltern in Trümmer, und da sich nur sein Vater darin befand, ward dieser erschlagen. Seine Mutter aber blieb am Leben, denn in jener schrecklichen Zeit des Erdbebens befand sie sich nach der göttlichen Fügung nicht im Hause, sondern war zu einem gewissen Hause gegangen, um zu beten. Auch das Kindlein war nicht zu Hause, sondern weilte in der Kirche des heiligen Erzmärtyrers Stephanus, und dort, von Gott beschützt, blieb es unversehrt.

Und als das Kindlein aus der Kirche trat, wusste es nicht, wohin es sich wenden sollte, da viele Häuser zerfallen waren und es sein eigenes Heim nicht mehr kannte. Daher irrte es umher durch die Trümmer Antiochiens, bis eine fromme Frau, welche seine Eltern kannte, als sie das Kindlein Simeon umherirren sah, es auf ihren Rücken hob und zu einem Berge führte, der nahe der Stadt lag, wo ihre Behausung war.

Als nun die selige Martha, die Mutter Simeons, ihr Haus zerstöret sah und dass all jene, die sich darin befunden hatten, nicht mehr am Leben blieben, meinte sie, dass samt ihrem Gemahl auch das Kindlein gestorben sei, von den steinernen Mauern zerdrücket, und darüber klagte sie gar sehr. Als aber sieben Tage vergangen waren, erschien ihr der heilige Johannes der Täufer und sprach zu ihr, dass ihr Kindlein lebe und bei einer Frau außerhalb der Stadt weile. Da begab sie sich auf jenen Berg und fand Simeon bei der vorgenannten und bekannten Frau. Jene aber sprach verwundert zur Mutter des Kindleins, dass in all den sieben Tagen das Kindlein keinerlei Speise zu sich nehmen wollte, sondern nur zweimal ein wenig Brot und Wasser empfangen hatte. Als nun die Mutter ihren Sohn zu sich genommen hatte, führte sie ihn in die Kirche des heiligen Johannes des Vorläufers und dort dankte sie Gott und dem Heiligen, dass er ihr Kindlein am Leben bewahrt hatte.

Einst sann Martha in ihrem Herzen über die Gesichte, die ihr betreffs des Kindleins erschienen waren, und über die wundersamen Dinge, die sich nunmehr mit ihm zutrugen; und da sie nicht zu ergründen vermochte, was fernerhin mit diesem Kindlein geschehen sollte, entschlief sie und schaute ein Gesicht dieser Art: Es dünkte sie, sie sähe sich selbst beflügelt und schwebte empor in die Höhe, das Kindlein in ihren Händen haltend, es erhöhend in der Gnade des Herrn und sprach: „Mein Sohn, auf diese Weise habe ich deine Erhöhung zu schauen begehrt; so möge mich denn mein Schöpfer in Frieden entlassen, als eine, die gewürdigt ward, gesegnet zu werden unter den Weibern: denn ich gebe die Frucht meines Leibes dem Allerhöchsten dar.”

Hernach verweilte die Mutter mit dem Kindlein an einem gewissen Orte in Antiochien, welcher Cherubim genannt ward. Dieser Ort trug diesen Namen, dieweil Titus, der Sohn Vespasians, des Kaisers von Rom, als er Jerusalem mit Krieg verwüstet hatte, zwei goldene Cherubim aus der Kirche zu Jerusalem entnommen, welche auf der Bundeslade gewesen waren, und sie gen Antiochien gebracht hatte; und der Ort, da diese Cherubim niedergelegt worden waren, ward Cherubim genannt. Als allda die selige Martha samt ihrem Sohne verweilte, sah das Kindlein Simeon eine solche Erscheinung: Er sah Unsern Herrn Jesus Christus auf hohem Throne sitzend und eine unzählbare Menge Gerechter, die sich von allenthalben zu Ihm versammelte; und die Bücher des Lebens waren aufgetan, dieweil das Gericht gehalten ward. Gen Morgen sah man das Paradies der Wonne, und gen Abend das Feuer der Gehenna. Und der Heilige Geist sprach zu ihm: „Höre, Kindlein, und verstehe, was du hier siehest. Befleißige dich, Gott wohlzugefallen, auf dass du der Ehre samt den Heiligen gewürdiget werdest und die unbeschreiblichen Güter erlangest, welche denen bereitet sind, die Gott lieben.“ Aus dieser Erscheinung ward das Kindlein weise durch göttliche Weisheit, und ihm ward die Offenbarung des Unbekannten zuteil und die Schau der verborgenen Geheimnisse.

Nach wenigen Tagen sah er einen Mann von wunderbarem Aussehen, angetan mit einem weißen Gewand, der zu ihm sprach: „Folge mir!“ Und Simeon ging ihm nach. Der Mann aber führte ihn in die Gegend von Tiberia nahe Seleukia und setzte ihn auf einem einsamen Berg ab, unter dem ein Dorf namens Pilasa lag. Dort auf dem wüsten Berge lebte das Kind mit den wilden Tieren wie mit Lämmern, da er nur diese als Gefährten hatte; von Menschen aber wurde er gar nicht gesehen. Und er war Tag und Nacht von einem unaussprechlichen Licht erleuchtet. Seine Nahrung aber wurde von jenem Mann gebracht, der ihn dorthin geführt hatte und der ihm oft erschien, ihn in allem anleitete und ihm Speise zur rechten Zeit gab.

Alsbald nach etlicher Zeit, auf Anraten desselben Mannes, stieg er hinauf auf den Bergesgipfel und fand ein kleines Kloster, in welchem ein heiliger Hegumen wohnte, der auf einer Säule stand und Johannes hieß. Diesem Hegumen erschienen oft Gesichte von Simeon, der zu ihm kommen sollte. Bald sah er ein Kindlein in Gewand, das mit einem Wägelchen zu seinem Kloster fuhr; bald sah er es durch die Lüfte wandeln und über dem Kloster schweben; bald wiederum sah er es auf einer lichten Säule stehen und sich mit dieser Säule dem Kloster nahen. Auch sah er einen Engel, der ihm das Kindlein wies und zu ihm sprach: „Dieser ist es, durch den du das Heil erlangen wirst.“ Darum erzählte der Hegumen diese Gesichte den Mönchen, die bei ihm weilten. Als aber der selige Simeon, unter Gottes Geleit, zu seinem Kloster kam, verwunderten sich die Mönche, wie ein so kleines Kindlein, kaum sechs Jahre zählend, durch so viele wüste Stätten wandern und dieses Kloster finden mochte.

Der Altvater Johannes aber, als er ihn von der Säule aus sah, erkannte das Kind sogleich, da er es schon oft im Gesichte geschaut hatte. Er freute sich gar sehr über sein Kommen, rief ihn zu sich, nahm ihn in die Arme, küsste ihn und dankte Gott unter Tränen. Das Kind war überaus schön von Angesicht, mit blondem Haar und leuchtenden Augen, sodass sich die Schönheit seiner Seele schon in seinem Blick offenbarte. Er war sanftmütig, schweigsam, schnell im Antworten, weise in seinen Worten, erfüllt von himmlischen Gaben und lebte abgesondert in Stille in jenem Kloster. Sein Fasten war dergestalt, dass er bald nach drei, bald nach sieben, bald erst nach zehn Tagen in Wasser eingeweichte Linsen aß und ein wenig Wasser trank.

Alsdann aber verwunderte sich der selige Abt Johannes, der Säulensteher, gar sehr ob dieser Sache. Es war aber in jenem Kloster ein törichter Mann, welcher die Herde hütete. Dieser aber, da er das übernatürliche Fasten des Knaben schaute, wurde erfüllt von teuflischem Neid und trachtete danach, ihn zu ermorden. Als er aber das in seinem Herzen ersonnene Übel auszuführen gedachte, alsbald verdorrte ihm die Hand, und er wurde am Leibe gar schwer krank, dergestalt, dass er dem Tode nahe war. Darum, obgleich widerwillig, gestand er in Reue seine Sünde, sowohl dem Abt als auch dem seligen Knaben Simeon. Der Knabe aber, da er ohne Arglist war, nicht allein vergab er ihm jene Sünde, sondern er flehte zu Gott für ihn, und als er seine Hand anrührte, alsbald heilte er sie ihm und machte ihn am ganzen Leibe gesund.

Von Stund an ehrten der Abt und die Brüder diesen seligen Knaben gar sehr, als den, welchen der Herr auserwählt hatte aus dem Schoße seiner Mutter und geheiligt zu Seinem Dienste. Hernach bat der Selige Simeon darum, dass ihm eine Säule erbaut werde nahe der Säule des Vaters Johannes. Alsbald, gemäß seinem Begehren, wurde ihm eine Säule errichtet neben der Säule des Vaters Johannes, und dorthin stieg der Knabe hinauf, im Alter von nur sieben Jahren, nachdem er vom Ehrwürdigen Johannes in das Mönchsgewand gekleidet worden war. Also verharrte er dort, in der Nachfolge seines Vaters, Johannes des Säulenheiligen.

Als er aber daselbst zu verweilen begann, erschien ihm unser Herr Jesus Christus in Gestalt eines Kindleins, strahlend von unaussprechlicher Schönheit. Und als der heilige Simeon Ihn sah, entbrannte sein ganzes Herz in Liebe zu Ihm, denn er erkannte Ihn als seinen Herrn. Daher, Kühnheit fassend, sprach er: „O Herr, wie haben Dich die Juden gekreuzigt?“ Der Herr aber, Seine Hände kreuzförmig ausstreckend, sprach: „Also haben Mich die Juden gekreuzigt, doch Ich selbst wollte gekreuzigt werden; du aber sei getrost und stärke dich, indem du dich alle Tage mit Mir kreuzigst.“ Von da an vergaß der Gottwohlgefällige seinen Leib und ähnelte den Leiblosen, ein engelsgleiches Leben führend. Und so übertraf er seinen Abt in der Askese; denn der Abt sang alle Nächte dreißig Psalmen, Simeon aber sang fünfzig und zuweilen achtzig. Und oft vollendete er den ganzen Psalter in einer Nacht, ohne des Schlafes zu achten; und desgleichen verherrlichte er Gott den ganzen Tag.

Der ehrwürdige Abt aber, da er ihn also schaute und besorgt war, er möchte von solcherlei Kasteiungen und Mühen gar zu sehr entkräftet werden, ermahnte ihn und sprach: „Mein Sohn, lasse ab von solcher übermäßigen Anstrengung, welche die menschliche Kraft übersteigt; denn auch uns vergönnest du keine Ruhe. Es ist dir genug, dass du von Kindesbeinen an dich mit Christo gekreuzigt hast; und es geziemt sich, dass du doch ein wenig Sorge für deinen Leib trägest, ihm etwas Schlaf gönnest und ihm Speise mit Maßen reichest, auf dass er die Mühsal des Einsiedlerlebens bis ans Ende zu tragen vermöge. Denn Speise und Trank verunreinigen den Menschen nicht, zumal der Herr in der Heiligen Schrift spricht: ,Alle grünen Kräuter habe Ich euch zur Speise gegeben.‘“ Der selige Simeon aber erwiderte dem ehrwürdigen Abt: „Wiewohl die Speise den Menschen an sich nicht verunreinigt, so gebiert sie doch unreine Gedanken, verfinstert den Geist, verwurzelt und nährt die Leidenschaft und verwandelt den geistlichen Menschen in einen fleischlichen, indem sie seinen Sinn an die irdischen Lüste fesselt; uns aber, die wir Tag und Nacht im Gesetze des Herrn unterwiesen werden, geziemt es sich zu fürchten, dass wir nicht etwa durch die Verführung des Schlafes übermannt werden und also der Trägheit anheimfallen, wie der Prophet spricht: ,Meine Seele schläft ein vor Trägheit.‘ Und zumal geziemt es sich, mit unablässiger Wachsamkeit den Mund zum Lobpreise Gottes aufzutun, auf dass wir von oben herab die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Doch was kümmert es Euch, o Vater, meine Worte? Ich lege mir selbst diese Gesetze auf, und nicht anderen, denn mir ist es vonnöten, dass ich durch solche Strenge meinen jungen Leib ermüde.“ Und der Abt verwunderte sich ob solch einsichtiger Antwort des jungen Knaben.

Als aber Simeon vom Lichte des Heiligen Geistes erleuchtet ward, offenbarte sich ihm das ganze Reich des Teufels und all seine Blendwerke; denn er sah den Fürsten der Finsternis selbst, wie er saß auf einem großen Throne und trug eine glänzende Krone auf seinem Haupte, und die Scharen der Dämonen standen vor ihm. Und es zeigten sich vor ihm alle Zierden, die bereitet waren zur eitlen Täuschung: das Gold, das Silber, die kostbaren Steine und die Perlen; doch all dies war wie Kot. Dort vernahm man Stimmen von Posaunen, von Flöten, von Dudelsäcken und von mancherlei musikalischen Instrumenten. Und man sah die Sünde in Gestalt einer schönen Jungfrau, der folgten wie Diener die Versucher, welche zum Sündigen anreizen und verführen. Dort zeigte sich der Geist der Arglist, der Geist der Unreinheit, der Geist der Trägheit und der Geist der Habsucht, die mit unersättlichem Rachen gähnten und begehrten, die ganze Welt zu verschlingen. Jene trügerischen Geister bemühten sich, auch Simeon zur Liebe der Sünde zu verführen, und riefen ihn zur Sünde mit Worten der Unzucht. Er aber, sich wappnend mit der gewohnten Waffe, nämlich dem Zeichen des Heiligen Kreuzes, und den Namen Christi anrufend, vertrieb von sich die teuflischen Blendwerke, so wie der Sonnenstrahl die Finsternis vertreibt.

Als er nun zur Kirche blickte, erblickte er den Thron Gottes, aus welchem die göttliche Glorie hervorbrach und über Simeon leuchtete. Und siehe, aus der Kirche ward ihm ein Patriarch zugesandt, der in seinen Händen ein Salböl von lieblichstem Duft trug, welches er über Simeons Haupt ausgoss und ihn salbte, und sprach also zu ihm: „Kraft dieser Salbung wirst du die Dämonen austreiben; und mit der göttlichen Kraft von oben umgürtet, wirst du sie zu Tausenden niedermetzeln und den Widersacher bezwingen. Sei nun getrost, im Vertrauen auf den Schöpfer, denn der Feind wird wider dich nichts vermögen, und der Sohn der Ungerechtigkeit wird dir kein Übel antun können!“ Von Stund an empfing der gottselige Simeon Gewalt über die unreinen Geister und begann, dieselben aus den Menschen auszutreiben und alle Gebrechen zu heilen.

An einem Tage sprach der Gottesknecht Simeon der Säulenheilige zu seinem seligen Abt, Johannes dem Säulenheiligen: „Vater, vor nicht vielen Tagen hat mir der Herr die Herrschaft des Satans und seine verderblichen Reichtümer gezeigt. Und ich sah seine Ränke, wie er sich bemüht, Krieg zu führen wider die Frommen.“ Sprach Johannes zu Simeon: „Sohn, Gott bewahre dich vor seinen Tücken.“ Simeon sprach: „Die verfluchte Macht des Satans, mag sie sich auch noch so sehr bemühen, Unheil wider uns zu stiften, doch vermag sie nichts.“ Der ehrwürdige Abt aber, da er sah, dass der Jüngling die Anfechtungen des Widersachers für gering erachtete, und sich fürchtend, dass er nicht in den Hochmut des Geistes fiele, sprach er zu ihm: „Mein Sohn, uns aber gebührt es, uns vor den mannigfachen Listen des Bösen zu fürchten und nicht auf unsere eigenen guten Werke zu vertrauen; denn unser Widersacher hat sich mit eisernem Gewand umhüllt und bereitet stets den jungen Mönchen eine Schlinge. Und fände er jemals bei ihnen eine ihm genehme Gelegenheit, sogleich überfällt er sie mit Macht und erregt einen schweren Krieg in ihnen. Uns aber ziemt es vor allem, zu Gott dem Herrn zu beten und Emanuel anzurufen, dass Er allezeit mit uns sei und alle Macht des Widersachers niederwerfe.“

Als sie solches redeten, vernahm es der Satan und, von grimmigem Zorn erfüllt, knirschte er mit den Zähnen wider den Jüngling. Alsdann begann er, ihn mit schrecklichen Trugbildern zu bestürmen, sich gestaltend in Drachen und grimmige Bestien, und fiel ihn Tag und Nacht an, gleich als wollte er ihn verschlingen. Der selige Simeon aber, den Allerhöchsten zu seinem Beistand nehmend und sich mit der Waffe des Heiligen Kreuzes wappnend, sprach: Ich fürchte mich nicht vor dem Schrecken der Nacht, noch vor dem Pfeil, der des Tages fliegt, noch vor dem Übel, das im Finstern schleicht, noch vor dem Anfall und dem Mittagsdämon.

Es geschah aber in einer Nacht des Monats Dezember, in der zweiten Nachtwache, da der Satan, all seine Scharen versammelnd, unvermutet über ihn hereinbrach mit gewaltigem Getöse. Der Teufel zerriss daraufhin die Decke, die über dem seligen Simeon ausgespannt war, und schleuderte sie in einen tiefen Abgrund; doch die Hand des Herrn war über dem Kinde und stärkte es. Und der selige Simeon stand unerschütterlich, nicht nur dem Leibe nach, sondern auch in der Größe seiner Seele, denn er fürchtete sich nicht vor dem Ansturm des Widersachers. Alsbald darauf erhob der Teufel vom Meer her einen gewaltigen Sturmwind und Wirbelsturm, und einen Wind der Unruhe, und ließ furchtbare Donner und Blitze entstehen, die die ganze Nacht hindurch an die Säule des Simeon schlugen. Der ehrwürdige Johannes aber, da er meinte, Simeon sei von jenen schrecklichen Donnerschlägen erschlagen worden, weinte und rief die Mönche, sie sollten gehen und sehen, ob der Knabe noch am Leben sei. Die Mönche aber antworteten ihm nicht, einerseits, weil sie sich vor jenen Schrecken fürchteten und nicht aus ihren Klausen treten wollten, andererseits, weil sie vom Teufel mit Groll gegen den Knaben aufgestachelt worden waren, und sprachen bei sich selbst: „Wo ist nun das Fasten dessen, das menschliches Maß übersteigt? Wo sind seine asketischen Übungen? Wo sind seine Wundertaten? Er helfe sich nun selbst!”

Der selige Knabe Simeon aber, als er vernahm, dass der Abt um ihn weinte, rief ihm zu und sprach: „Vater, betrübe dich nicht um meinetwillen; denn die Gnade Christi hat mich bedeckt, und ich habe keinerlei Leid erfahren; der Teufel aber ist zuschanden geworden.“ Als es aber Tag ward, gingen die Mönche zu Simeons Säule, in der Erwartung, den Knaben tot zu finden; als sie ihn aber lebendig, frohgemut und an Antlitz leuchtend sahen wie einen Engel Gottes, wurden sie beschämt. Da wurden sie vom Abt Johannes getadelt, und also, beschämt, zogen sie sich in ihre Zellen zurück. Als aber Ephraim, der Erzbischof von Antiochien, von dem seligen Simeon vernahm, dass er ein strenges, gottgefälliges Leben führte, kam er, ihn zu schauen. Und als er den jungen Knaben sah, so vollkommen in Tugenden und mit Christus mitgekreuzigt, verherrlichte er Gott unter Tränen. Als er sodann in die Stadt zurückgekehrt war, erzählte er allen zur Erbauung von dem strengen Wandel des Knechtes Christi in der Wüste.

Alsbald strömten viele Mönche und Weltleute zu ihm; etliche, um ihn zu schauen; andere, um sich an seinem gottbegeisterten Wort zu laben; und wieder andere, um Heilung ihrer leiblichen Gebrechen von dem unentgeltlichen Arzt zu empfangen.

Einstmals aber bat der selige Simeon von denen, die zu ihm kamen, ein härenes Gewand, womit er heimlich seinen nackten Leib umhüllte. Und dieses Gewand rieb ihn bis auf die Knochen auf, wobei viel Blut aus den Wunden floss, und, mit Blut getränkt, klebte es am Leibe fest, und aus diesem Grunde begann das Fleisch zu faulen. Er aber ertrug all dies mit männlicher Tapferkeit. Da begann ein übler Geruch von seinem faulenden Leibe auszugehen, und die Brüder, die zu ihm auf die Säule stiegen, suchten zu ergründen, woher dieser Geruch rühre, und, als sie dessen Ursache fanden, berichteten sie dies dem Vater Johannes. Jener aber, ob solchen Tuns bekümmert, befahl, das Gewand behutsam vom Leibe Simeons zu entfernen, und tadelte ihn, dass er seinem Leibe nicht länger solch harte Mühsal auferlege.

Der gottselige Simeon besaß auch die Gabe der Unterweisung, die wie ein Strom aus seinem Munde quoll. So berief der Abt die Brüder zusammen und hieß den Heiligen, zu ihnen ein Wort der Unterweisung zu reden, und lauschte ihm selbst mit Wonne. Also war der junge Jüngling ein gar weiser und den alten Mönchen dienlicher Lehrer, denn der Heilige Geist wirkte in seinem Munde, und jedermann verwunderte sich ob der Gabe der Weisheit, die aus seinem Munde drang. Der Abt aber nannte Simeon den „neuen David“ und berichtete von einer Erscheinung seinetwegen, die er im Traume geschaut hatte: „Ich schaute eine göttliche Macht, die in ihrer Rechten eine Honigwabe hielt und diese über dem Haupte des Jünglings auspresste, und der Honig aus der Wabe floss auf sein Haupt herab.“

Ein anderer Altvater fragte: „Sind denn Tauben in dieser Säule?“ Die Brüder aber gaben zur Antwort: „Nein, es sind keine da.“ Da sprach der Altvater: „Ich sah eine lichttragende Taube, wie sie durch die Tür hineinflog zum Kinde und nach einer Stunde wieder hinausflog und gen Himmel schwebte.“ Indem sie dies miteinander redeten, geriet der selige Simeon in eine Verzückung und sah sich selbst entrückt in die Höhe und weit und breit fliegend wie ein Beflügelter durch alle Teile der Welt. Alsdann ward er emporgehoben auf sieben Stufen, wo er, gleich dem heiligen Apostel Paulus, schaute, was kein Auge je gesehen, und hörte, was kein Ohr je vernommen hat. Und als er sich wieder herabsenkte, fragte er den, der ihn führte: „Was sind diese Dinge, die da geschaut werden?“ Dieser aber antwortete: „Dies sind die sieben Himmel, zu welchen du entrückt wurdest.“ Alsdann schaute er das Paradies, allerschönste Gärten, überaus große und hellleuchtende Paläste und einen Quell, aus welchem Myrrhen flossen. Und er sah dort niemand anderen als Adam und den verständigen Schächer. Und als er wieder zu Sinnen kam, berichtete er diese Vision seinem Altvater. Dieser aber sprach zu ihm: „Mein Sohn, wohlgepriesen sei der Herr, der dir eine solche Gabe verliehen hat.“

Also gedieh der gottselige Knabe in seinen wüstenhaften Übungen. Sooft ein Unbekleideter zu ihm kam, entkleidete er sich seines Gewandes und reichte es jenem dar, während er selbst entblößt verharrte. Dies tat er oftmals, nicht allein im Sommer, sondern auch im Winter. Der Abt aber, wider Simeons Willen, kleidete ihn wieder mit einem Gewand, damit er nicht vor Kälte stürbe. Er aber, sich an die Brust schlagend, weinte und sprach: „Wehe mir, dem Elenden! Wie die vierzig heiligen Märtyrer um Christi willen im See Frost und Eis erduldeten, und ich Elender nicht würdig bin, mich von dieser geringen Kälte erfrieren zu lassen? Wie werde ich dem ewigen Zähneknirschen entgehen und wie werde ich der Gemeinschaft mit den Heiligen teilhaftig werden?“ Dergestalt beklagte er sich hierüber gar sehr. Der Abt aber, betrübt ob dessen, sprach zu ihm: „Was begehrst du noch zu tun, Simeon? Dein einziger Sinn ist, dich selbst zu töten!“ Nach einer Zeit aber fand Simeon eine solche Peinigung für sich: Er stand ein ganzes Jahr auf seinen Füßen, bis ihm die Schenkel und Waden verfaulten und ein großer Gestank von ihm ausging. Abba Johannes aber rief einen Arzt herbei, willens, Simeons Wunden zu heilen. Simeon aber, lächelnd, sprach: „So wahr mein Herr lebt, dass keine menschliche Hand und Hilfe mich berühren wird.“ Alsbald aber verlieh der Herr ihm unverhofft Gesundheit, und er erhob sich unversehrt an beiden Füßen und Schenkeln, ohne auch nur die geringste Spur von Wunden zu haben. Dafür, Gott Dank darbringend, verharrte er lange Zeit auf den Knien.

Als das Heilige Pfingstfest nahte, am Tage vor dem Feste, sprach der selige Simeon zum ehrwürdigen Johannes: „Vater, wer ist würdig, den Heiligen Geist zu empfangen, gleichwie ihn die Heiligen Apostel in Feuerzungen empfingen?“ Sprach zu ihm der Altvater: „Trachte nicht nach Dingen, die dir zu hoch sind, und erforsche nicht das Unergründliche, sondern was dir befohlen ist, das bedenke.“ Der Knabe sprach: „Es steht geschrieben: Den Willen derer, die Ihn fürchten, wird Er tun, und ihr Gebet wird Er erhören und sie erretten.“ Als er dies sprach, erhob er seine Augen gen Himmel und betete von ganzem Herzen, indem er sprach: „O Herr, Du, der Du Deinen Heiligen Geist über Deine heiligen Jünger und Apostel gesandt hast, sende auch über mich die Gabe Deiner Güte und mache mich weise, auf dass ich Deine Gebote lerne und die Worte des ewigen Lebens spreche, denn Du bist mächtig, Dir Lob zu bereiten aus dem Munde der Unmündigen.“

Als er solcherart betete, fuhr alsbald der Heilige Geist vom Himmel herab über ihn wie ein entflammtes Licht. Da ward sein Herz erfüllt von Weisheit und Verstand, und er redete vieles aus der göttlichen Schrift; und niemand vermochte der Weisheit des Geistes zu widerstehen, der in ihm weilte. Und nicht allein mit dem Munde, sondern auch schriftlich verfasste er seelenheilsame Worte für das mönchische Leben, über die Buße, über die Menschwerdung Christi und über das Gericht, das da kommen wird. Und er legte viele unverstandene Dinge aus der Heiligen Schrift aus; der Abt aber verwunderte sich gar sehr über eine solche Gabe Gottes, die in dem jungen Jüngling war, und sprach: „An diesem Jüngling hat sich erfüllt, was David geschrieben hat: Das Wort des Herrn hat ihn entzündet. Nun habe ich erkannt, dass dieser Jüngling wundersame Dinge tut, nicht minder, wie mir scheint, als die Apostel.“ Und alle Mönche verwunderten sich und begannen, sich vor ihm zu fürchten, erschreckt ob seiner Lehre und ob der Wunder, die durch ihn gewirkt wurden.

Es geschah aber, dass etliche der Mönche in einer Traumschauung drei Gemächer sahen, in jedem drei Throne, und auf den Thronen lagen drei Kronen. Und da sie fragten: „Wem ist diese Herrlichkeit bereitet, die sich da zeigt?“, da ward eine Stimme vernommen, die sprach: „Dem Knäblein Simeon!“

Simeon aber, strahlend wie die Sonne durch sein engelsgleiches Leben, lenkte sein Gemüt von dem Irdischen zum Himmlischen und, indem er Stufen in seinem Herzen setzte, begehrte er, sich durch eine noch höhere Säule dem Himmel zu nahen. Daher ward ihm eine andere Säule errichtet, welche vierzig Stufen zählte.

Als Simeon sich nun auf jene Säule zu steigen anschickte, vernahmen dies der Erzbischof von Antiochien und der Bischof von Seleukia und kamen mit ihrem Klerus in jenes Kloster. Und indem sie Kerzen entzündeten, nahmen sie mit frommer Ehrfurcht das gottbegnadete Knäblein Simeon und führten ihn zuerst in die Kirche, sodann in den Heiligen Altarraum, wo sie ihn zum Diakon weihten. Alsbald danach führten sie ihn mit Psalmen und Gesängen auf die höchste Säule hinauf.

Und stand der Heilige Simeon auf jener Säule acht Jahre lang; während der Abt weinte, da er sein Antlitz nicht schauen konnte. Der Heilige Simeon aber, auf der höchsten Säule stehend, führte ein übernatürliches Leben, den Cherubim gleich, und pries unaufhörlich Gott den Herrn.

Doch auf dass sich nicht alles Fleisch vor dem Herrn rühme, erhob der Widersacher, mit Gottes Zulassung, einen schweren leiblichen Kampf wider ihn, willens, ihn durch Trugbilder des Traumes zu beflecken. Er aber, der Versuchung standhaft widerstehend, gönnte seinen Augen keinen Schlaf, sondern flehte Gott mit vielen Tränen an, dass Er ihm ein Helfer sei wider den Feind, der sich wider ihn erhoben hatte, und ihn am Tage des Kampfes überschatte.

Und siehe, er schaute einen leuchtenden, ehrwürdigen und greisen Mann, der von oben herabstieg, bekleidet mit priesterlichen Gewändern, in seinen Händen einen Kelch haltend mit den göttlichen Geheimnissen des Allerheiligsten Leibes und Blutes unseres Herrn Jesus Christus, und die Luft ward erfüllt von unbeschreiblichem Wohlgeruch. Und als sich jener leuchtende Mann ihm nahte, reichte er ihm die Heiligen Sakramente und sprach zu ihm: „Sei getrost und dein Herz stärke sich, denn von nun an werden dich die Trugbilder des Traumes nicht mehr beunruhigen! Doch hüte dich nur mit allem Fleiß vor deinen Gedanken und hoffe auf Gott!“

Der Heilige Simeon aber, erfüllt von übergroßer Freude und unbeschreiblicher Süße ob dieses Gesichtes, pries den Herrn. Alsdann hütete er sich sowohl vor den aufkommenden Gedanken als auch vor menschlichen Reden; alldieweil er alle Tage bis zur neunten Stunde in Klausur verharrte, nicht willens, mit jemandem zu sprechen, außer mit Gott allein.

Alsbald nahte das selige Ende seines Abtes, des ehrwürdigen Johannes des Styliten. Dies zuvor schauend, sandte der heilige Simeon zu ihm und sprach: „Betrübe dich nicht, Vater, so du von dem Tage deines Hinscheidens hören wirst, denn diese Schuld ist allen Menschen gemein. Ich habe erkannt, dass Christus dich heute zur Ruhe ruft, auf dass du, nach deinen Mühen, mit den Heiligen ruhest. Darum, o Vater, gib mir den Segen Abrahams und gedenke meiner, wenn du hingehst, um dem Thron der Herrlichkeit der Allerheiligsten und Wesensgleichen Dreifaltigkeit anzubeten, und bete für uns, auf dass auch wir, die Welt überwindend, das himmlische Reich erlangen und uns dort einander wiedersehen mögen!“

Als aber Johannes dies hörte, zweifelte er nicht und erschrak auch nicht in seinem Geist, als einer, der bereit war zum Tode, wenngleich er am Leibe gesund war und keinerlei Krankheit hatte. Danach sprach er durch seinen Boten zu Simeon: „Mein Sohn, es segne dich der Gott unserer Väter, den du gesucht hast, und der eingeborene Sohn des Vaters, den du geliebt hast, und der lebendigmachende Geist, nach dem du verlangt hast. Die eine Gottheit der Heiligen Dreifaltigkeit sei deine Stärke und dein Schutz! Sie möge dich führen und trösten. Die dich segnen, sollen gesegnet sein, und die dich verfluchen, sollen verflucht sein. Gott möge deine Ehre mehren, dieweil du mich, deinen geistlichen Vater, geehrt hast wie deinen leiblichen Vater. Deine selige Mutter, die mir viel gedient hat, möge Gnade und Barmherzigkeit finden beim Herrn.“ Die Brüder aber, die vor dem Altvater standen, erschraken, als sie diese Worte hörten. Sodann fragten sie ihn: „Was befiehlst du, Vater, wegen des jungen Simeon?“ Der Altvater antwortete: „Ich will, dass ihr alle dem Simeon nachfolget in der entflammten Liebe seines Herzens zu Gott und dass ihr der Hilfe der Gebete dessen gewürdigt werdet, der ein auserwähltes, großes und ehrwürdiges Gefäß Gottes ist.“

Und als der heilige Abba Johannes seine Brüder lehrend und für sie betend geendet hatte, geschah es, als wollte er sich ein wenig zur Ruhe begeben, und er entschlief, wie von einem süßen Schlafe umfangen. Also erlangte er sein seliges Ende, ohne Krankheit des Leibes, und wurde versetzt zu den Heiligen Vätern.

Nachdem der ehrwürdige Abt entschlafen war, gab sich der heilige Simeon noch größeren Mühen und Beschwernissen hin. Sein Lebenswandel aber war also geordnet: Von der Morgenfrühe an bis zur neunten Stunde verharrte er im Gebet; nach der neunten Stunde widmete er sich dem Lesen und Abschreiben der Bücher bis zum Untergang der Sonne. Alsdann, nach dem Untergang der Sonne, begann er von Neuem das Gebet und verbrachte also die ganze Nacht schlaflos, bis zum Anbruch des Tages. Als aber der Tag anbrach, gebot er dem Schlaf, als einem Diener, sich ihm für kurze Zeit zu nahen; und er empfing ihn, indem er nur gar wenig schlummerte. Sodann erhob er sich alsbald wieder und begann seine gewohnte Gebetsregel. Während seines Gebetes aber hielt er in seiner rechten Hand Weihrauch, welcher, obschon er keine glühenden Kohlen hatte, dennoch aus sich Weihrauchdampf entließ.

Einst ward aus der Höhe eine große Schar vernommen, die mit ihm sang und das „Halleluja“ anstimmte; und es waren die himmlischen Heerscharen. Und oftmals verbrachte er viele Tage und Nächte schlaflos. Einmal entsagte er dem Schlaf dreißig Tage und dreißig Nächte lang gänzlich, zu Gott flehend, dass Er ihm den Schlaf ganz und gar entziehe. Doch sprach Gott zu ihm: „Es ziemt sich dir, ein wenig Schlaf zu nehmen, auf dass du deinen Leib ein wenig stärkest.“

Da der Teufel es aber nicht ertragen konnte, eine solche asketische Übung bei Simeon zu sehen, wappnete er sich von Neuem mit all seinen Scharen gegen ihn und suchte ihn durch verschiedene Trugbilder zu erschrecken; denn bald gestalteten sie sich in Drachen und mannigfache Bestien und stürzten sich auf ihn, um ihn zu beißen. Ein andermal verwandelte sich der Teufel in einen ungewöhnlichen Vogel, der das Angesicht eines Kindleins hatte und sich auf sein Gesicht stürzte; und ein anderes Mal zeigte er sich als eine große Heerschar, die mit lautem Kriegsgeschrei gegen ihn anstürmte, willens, ihn hinabzustürzen und seine Säule zu Boden zu werfen. Einmal schlug er mit einem großen Stein gegen die Säule, sodass diese sich neigte, als wollte sie fallen; doch die unsichtbare Kraft Gottes stützte und richtete sie wieder auf. Einmal erschien ihm der Teufel als ein ungezogenes, schwarzes Maurenmädchen, das sich bemühte, den Hals des Heiligen mit ihren Händen zu umschlingen und sprach zu ihm: „Noch einmal werde ich mit dir kämpfen, und wenn du mich besiegst, werde ich für eine Zeit von hier weichen.“

Alle jene teuflischen Trugbilder und Erscheinungen vertrieb der Heilige vermittels des Gebetes und des heiligen Kreuzzeichens. Und er schaute auch ein gar wundersames göttliches Gesicht: Ihm dünkte, er sähe den geöffneten Himmel und Unseren Herrn Jesus Christus, umgeben von unbeschreiblichem Glanze, gleich einer Feuerflamme; die Heiligen Erzengel Michael und Gabriel aber standen um Ihn her, der eine zu Seiner Rechten, der andere zu Seiner Linken, und unter ihren Füßen schwebte eine rötliche Wolke. Da der Heilige Simeon solches schaute, fiel er vor seinem Herrn nieder und streckte die Hände zu Ihm aus, flehte Ihn an, Er möge ihm nach Seinem Wohlgefallen verleihen, gute geistliche Früchte zu tragen. Christus der Herr aber segnete den Simeon dreimal mit dem Zeichen Seiner göttlichen Finger.

Und als der heilige Simeon hinabschaute, erblickte er auf dem Antlitz der Erde eine große Schar von Teufeln in vielerlei Gestalten: die einen gleich wie Eber, die anderen gleich wie Ziegenböcke. Und der Herr verlieh ihm die Macht über jene Teufel, auf dass er sie vertreibe. Als aber zur Bekräftigung dieser Macht ein Palmenstab von dem Herrn in seine Hände herabsank, da floh alsbald die gesamte sichtbare Schar der Teufel vor dem Antlitz Simeons und ward unsichtbar.

Also trieb der Heilige alle argen Geister aus den Menschen, die sich zu ihm begaben, und heilte allerlei Gebrechen und erweckte Tote. Einst kam ein Mann, dem sein Sohn entschlafen war, zum Säulenheiligen und rief unter Tränen, indem er ihn anflehte, sich seiner zu erbarmen und Gott für seinen entschlafenen Sohn anzuflehen. Der Heilige aber, als er sein Gebet vollendet hatte, sprach zu jenem Mann: „Gehe hin im Namen des Herrn, denn dein Sohn lebt!“ Und jener Mann, den Worten des Heiligen Glauben schenkend, begab sich zu seinem Hause und fand seinen Sohn von den Toten auferweckt. Sodann, ihn bei sich nehmend, führte er ihn mit unaussprechlicher Freude zum Heiligen und gab dafür Gott und Seinem Wohlgefälligen Dank.

Alsdann sah der heilige Simeon abermals unseren Herrn und Gott, vor welchem die himmlischen Heerscharen standen. Und die vordersten derselben hielten eine Königskrone, mit edlen Steinen geziert, auf deren Scheitel ein Kreuz prangte, das wie ein Blitz erglänzte. Und die heiligen Engel begehrten, den Simeon mit dieser Krone zum Königtum zu krönen. Der heilige Simeon aber sprach zu ihnen: „Nehmet mir nicht dieses härene Kleid, in welches ich mich um Christi willen gehüllt habe.“ Die Engel aber sprachen zu ihm: „Darum sollst du die dir bereitete Krone im Reiche Christi empfangen und dich wie mit einem Purpur mit der Gnade des Heiligen Geistes bekleiden lassen; und du wirst mit den Heiligen im Reiche ohne Ende herrschen.“

Der selige Simeon aber, zum Herrn blickend, sprach: „O Herr, Du Schöpfer aller Dinge, da Du mich Unwürdigen der Herrlichkeit Deiner Heiligen in Deinem Reiche geruhest zu würdigen, so bitte ich Deine Güte, gewähre mir, dass ich hinfort nicht mehr der irdischen menschlichen Speise teilhaftig werde.“ Und er vernahm, wie der Herr seinem Begehren zustimmte, und alsbald traten die heiligen Engel herzu und legten über sein asketisches Haarkleid ein königliches, überaus strahlendes Gewand, und krönten sein Haupt mit der Krone und sangen mit lauter Stimme also: „Verherrlicht und hochgelobt sei Christus Gott, der König des Himmels und der Erde; darum sei gelobt Simeon, Sein Knecht!“

Nach diesem Gesicht kostete der heilige Simeon nimmerdar irdische Speise bis an sein Hinscheiden, da er sich nährte von der himmlischen Speise, die ihm von Engeln gereicht ward. Welcherlei und wie viele Wunder der heilige Simeon wirkte und wie wundersam seine Taten waren, steht ausführlich geschrieben im Buche seines Lebens. Doch hier werden nur wenige seiner vielen Wunder gedacht, auf dass die Rede nicht zu weitläufig werde und der Lesende wie auch der Hörende nicht ermüde.

Einst wurden dem heiligen Simeon alle Übel geoffenbart, die über die Stadt Antiochia und die umliegenden Gegenden hereinbrechen sollten; denn er sah einen Engel, der ein Schwert in der Hand hielt und durch die Luft über der Stadt schwebte. Da rief der Heilige zu Gott und betete aus ganzem Herzen für die Stadt. Und er stand vor dem Herrn, wie einst Mose, und flehte Ihn an, Er möge Seinen Zorn von Seinem Volke abwenden. Der Herr aber sprach zu ihm: „Siehe, das Geschrei über die Sünden dieser Stadt ist vor Mich gekommen; Meinen Zorn und Meine Erbitterung habe Ich gegen sie entfacht. Darum werde Ich sie um ihrer Sünden willen verderben und Feuer, Schwert und Tod senden. Sie hat Mich mit ihren Gottlosigkeiten erzürnt, und Ich werde sie in die Knechtschaft der Fremden überantworten.“ Der Heilige verkündete diese Vision einigen gottesfürchtigen Männern, die aus der Stadt zu ihm kamen, und ermahnte alle zur Buße.

Alsbald darauf erhob Gott den alten Chosroes, den König der Perser, welcher der Großvater des jüngeren Chosroes war, der das lebenspendende Holz des Heiligen Kreuzes aus Jerusalem geraubt hatte. So kam Chosroes mit persischer und chaldäischer Heeresmacht und belagerte mit gewaltigem Krieg die Stadt Antiochia. Der selige Simeon aber, auf seiner Säule verharrend, wurde von Gott beschirmt und vor den Barbaren bewahrt, welche in jene Gegend eingefallen waren. Der Heilige nun betete inständig zum Herrn, auf dass Er Seinen Grimm von jener Stadt abwenden und sie nicht in die Hände der Feinde geben möge; doch vermochte er nicht, den gerechten Grimm Gottes zu besänftigen und zu beschwichtigen.

Und abermals ward dem Heiligen eine Vision zuteil, und in Verzückung seiend, erblickte er vor sich ein allleuchtendes Kreuz. Und daneben zwei Engel, in ihren Händen gespannte Bogen und zum Schießen bereite Pfeile tragend. Da sprachen jene Engel zu ihm und verkündeten: „Siehe, dieses Kreuz hat dir der Herr gesandt zum Schutz und als Zeichen des Friedens, auf dass du nicht dem Zorn Gottes verfällst, welcher über diese Stadt hereingebrochen ist. Und die Pfeile sind gerüstet zur Vertreibung der Feinde, welche sich diesem deinem Orte nahen, denn wir sind bestellt, dich zu behüten.“

Abermals sah Simeon in einer Gesichte eine eingenommene Stadt, und in ihrer Mitte erscholl Geschrei, Klagen und lautes Geheul der Feinde. Dort sah man, wie etliche vom Schwert gefällt wurden, andere in die Knechtschaft geführt, wiederum andere aber flohen und stürzten sich von den Mauern der Stadt. Unter den Fliehenden sah man auch zwei Mönche aus seinem Kloster, welche, aus Furcht vor dem Einfall der Heiden, Kloster und Berg verlassen hatten und aus der Stadt geflohen waren. Und als sie aus der Stadt flohen samt anderen Leuten, sah der Heilige, wie sie von den Barbaren eingeholt und gefangen wurden. Und der eine ward mit dem Schwert erschlagen, der andere aber in die Knechtschaft geführt.

All dies, was dem heiligen Simeon im Geiste geschaut ward, erfüllte sich nach kurzer Frist. Denn die Stadt Antiochia ward eingenommen und mit Schwert und Feuer verheert, und viel Volk ward in die Knechtschaft geführt. Doch viele entrannen durch die Gebete des heiligen Simeon aus jener grässlichen Gefahr; da die Barbaren mit großer Macht in die Stadt eindrangen, öffnete das Volk andere Tore gen Norden und Süden, welche von den Barbaren nicht bewacht wurden, und entwich von dannen. Wiederum andere stürzten sich von den Mauern der Stadt herab und entkamen so.

Also entkam viel Volks auf den Berg und in die Wüste und ward bewahrt durch die Barmherzigkeit Gottes, ausgenommen die zwei oben erwähnten Mönche. Und die Feinde kamen auch zu dem Berge, auf welchem das Kloster und die Säule Simeons war, aber sie kehrten unverrichteter Dinge wieder um; denn der Berg war bedeckt, gleichwie einst der Berg Sinai mit Nebel und Wolke bedeckt war, also dass sie weder die Säule noch das Kloster sehen konnten. Andere aber wandten sich um und erschraken vor einer unsichtbaren Macht und flohen also voller Furcht zurück, gleichwie von einer Schar bewaffneter Krieger verfolgt; denn das Gebet des Heiligen war eine furchtbare und unüberwindliche Waffe wider die Widersacher. Und keiner von denen, die mit dem Heiligen auf dem Berge waren, erlitt Schaden von dem Überfall der Barbaren, außer den zwei Brüdern, die aus Furcht in die Stadt geflohen waren.

Alsdann, nach dem Abzug der Barbaren, kamen viele Verwundete zu dem Heiligen, und er spendete ihnen allen Genesung. Die aber in die Knechtschaft geraten waren, die erlöste der Heilige aus ihren Fesseln und aus der Knechtschaft, und durch seine Gebete befreite er sie. Denn wer immer sich des Namens des Heiligen erinnerte, während er in Knechtschaft schmachtete, dem fielen alsbald die Fesseln und Bande ab, und indem sie mitten durch die Barbaren gingen, waren sie unsichtbar und verließen ihre Heimat ohne jegliches Hindernis. So auch der obenerwähnte Bruder, dessen Gefährte durch das Schwert gefallen war, entkam der Knechtschaft mit einem gewissen Kriegsknecht und sprach: „Als wir uns des Vaters erinnerten und mit Tränen seinen Namen anriefen, alsbald lösten sich die Fesseln, die uns umgaben, von selbst und fielen ab, und wir gingen mitten durch die Barbaren, ohne dass uns jemand von ihnen befragte oder Einhalt gebot.“

Ein gewisser Greis, an Augen blind, saß vor dem Einfall der Heiden am Fuße eines Berges unweit des Weges und flehte die Vorübergehenden um Almosen an. Als aber die Heiden unversehens einbrachen, schlug ihn einer von ihnen mit dem Schwerte über den Nacken, doch trennte er ihm das Haupt nicht gänzlich ab, sondern versetzte ihm nur eine tödliche Wunde. Also wälzte sich jener Greis in seinem Blute, kaum noch einen Lebenshauch in sich tragend. Dies schaute der heilige Simeon mit seinen seherischen Augen, rief etliche der Brüder herbei und sandte sie aus, jenen Greis zu holen und zu ihm zu bringen. Jene aber gingen hin, nahmen ihn auf einer Strohmatte und brachten ihn vor die Säule. Der Heilige aber nahm Staub von der Erde, vermischte ihn mit heiligem Wasser und befahl, ihn an die Wunde des Greises anzulegen, sprechend: „Im Namen Emanuels, füge dich, Haupt, an deinen Ort und stärke dich!” Und alsbald, auf dieses Wort hin, fügte sich das Haupt des Greises an seinen Ort und vereinigte sich mit seinen Sehnen, und jene furchtbare Wunde ward gestärkt und geheilt, derart, dass der Greis zu reden anhub. Auch seine blinden Augen taten sich auf, und alle, die dieses Wunder schauten, gerieten in Furcht und priesen Gott.

Und nach etlichen Jahren aber, da der Ehrwürdige Simeon von der Unrast betrübt ward, weil zu ihm aus allen Gegenden eine unzählige Schar von Menschen kam, ihre Kranken bringend und seine gottgeweihte Stille trübend, gedachte er, den Pfeiler zu verlassen, auf welchem er acht Jahre verweilet hatte, und sich an einen anderen, stilleren Ort zu verfügen. Nicht fern von dannen war ein anderer, höherer und gänzlich wüster Berg, da es auf ihm an Wasser gänzlich fehlte und kein Mensch sich dorthin wagte, weil er schwer zu erklimmen war; und jener Ort war die Wohnstatt allein der Drachen, der wilden Tiere und der giftigen Gewürme.

Auf jenem Berge gedachte der heilige Simeon sich niederzulassen, und als er solches bedachte, erschien ihm der Herr mit einer Schar heiliger Engel, sich vom Himmel herabsteigend in einer lichten Wolke hin zu jenem Berge, und sprach zu ihm: „Eile, Simeon, und steige auf diesen wundersamen Berg; denn also wird dieser Berg fortan heißen, weil Ich auf ihm Meine Gnade in dir noch mehr verherrlichen werde!” Und sogleich mit jener Stimme zeigte sich dem Heiligen ein hoher Hügel und ein Stein auf jenem Berge, auf welchem die Füße des Herrn standen. Und wie die Sonne erstrahlte jener Fußschemel von der Herrlichkeit des Herrn, und auf jenem Steine ward Simeon vom Herrn geboten zu stehen.

Nach jener Erscheinung rief der Ehrwürdige die Brüder zu sich und tat ihnen den gnädigen Willen des Herrn kund, dass er sich auf einen anderen Berg begeben solle. Nachdem er ihnen nun einen alten und erfahrenen Mann zum Abt bestellt hatte, stieg er von dannen hinab und begab sich zu dem wundersamen Berge, von den Brüdern unter Tränen geleitet. Und als sie sich dem Hügel, der ihm gezeigt worden war, nahten, stand er still und betete lange zu Gott. Als er aber das Gebet vollendete, ward eine Stimme einer Schar von Engeln vernommen, die „Amen“ riefen. Da gebot der Heilige seinen Jüngern, an jener Stätte ein steinernes Kreuz zu errichten, zum unvergesslichen Gedächtnis an die Engelsstimme, die daselbst vernommen worden war. Und als er nun auf den Gipfel des Berges blickte, sah er ihn leuchten von der Herrlichkeit Gottes, und er stieg mit Freuden hinauf und trat auf jenen Stein, auf welchem er in der Erscheinung den Herrn gesehen hatte, wie Er ihn an jenen Ort rief. Und der selige Simeon zählte zu jener Zeit zwanzig Jahre von seiner Geburt an.

Doch auch daselbst ward ihm keine Ruhe vergönnt vor denen, die da kamen; denn am folgenden Tage kam das Volk zu seinem ersten Kloster und da sie ihn nicht fanden, erhoben sie ein großes Klagen. Als nun das Volk erfuhr, dass der Heilige sich auf einen anderen Berg begeben hatte, eilte es mit Eifer zu ihm und brachte auch seine Kranken mit sich. Als der Ehrwürdige sie aber sah, betrübte er sich, da sie ihn auch dort nicht allein mit Gott sein ließen. Doch als er ihre Tränen sah, ward ihm barmherzig ums Herz, und er legte seine Hände auf jeden Kranken, unter Anrufung des Namens des Herrn, heilte er sie und sandte sie gesund heim.

Auf jenem Berge hauste ein Löwe, der einem Manne, der zu dem Heiligen ging, entgegentrat und sich auf ihn stürzte, willens, ihn zu töten und zu fressen. Der Mann aber, da er dem Tiere nicht entrinnen konnte, rief ihm zu und sprach: „Um Simeons willen, des Knechtes Gottes, schade mir nicht!“ Und alsbald, da der Löwe den Namen Simeons vernahm, ward er zahm und kehrte, nachdem er dem Manne keinerlei Leid zugefügt hatte, in seine Lagerstätte zurück.

Und der Mann, zum Heiligen gelangt, tat ihm kund, was ihm widerfahren war. Alsbald aber fürchteten sich all jene, die dies vernahmen, und flehten den Heiligen an, er möge die Bestie von diesem Berge verjagen, auf dass die zu ihm Nahenden keine Furcht mehr zu empfinden hätten.

Der Ehrwürdige aber, seinen Jünger Anastasius, aus welchem er einst sieben Dämonen ausgetrieben hatte, zu sich rufend, sprach zu ihm: „Begib dich zur Höhle des Löwen und sprich zu dem Tier: «Im Namen des Herrn gebietet dir Simeon, der Knecht Christi, dass du von diesem Berge weichest; denn fortan soll hier nicht mehr deine Behausung sein, auf dass du die Brüder, die hierher nahen, nicht mehr in Schrecken versetzest.»”

Und Anastasius, dorthin sich begebend und den Löwen in seiner Lagerstätte vorfindend, richtete die Worte des Ehrwürdigen an ihn, redend, als spräche er zu einem Menschen von Verstand. Der Löwe aber, dem Gebot gehorsam, zog alsbald von dannen an andere ferne und wüste Stätten, ohne jemandem von denen, die ihm auf seinem Wege begegneten, ein Leid anzutun.

Zu jener Zeit, in jenem Landstrich, hatten sich durch Gottes Fügung viele Seuchen und Krankheiten unter den Menschen gemehrt, dergestalt, dass viele den Tod fanden. Der Gottesmann aber, da er den gerechten Zorn Gottes über das Volk vernahm, flehte den Herrn unter Tränen an, Er möge Sich Seines Volkes erbarmen und Seinen Grimm von ihnen abwenden. Und siehe, eine Stimme vom Herrn erging an ihn, die sprach: „Was bekümmert dein Herz um dieses Volk? Liebst du sie wohl mehr als Ich? Weil aber ihre Missetaten sich gemehrt haben, so bedürfen sie auch der Züchtigung. Doch auf dass Ich dich nicht betrübe, verleihe Ich dir die Kraft, alle Gebrechen unter ihnen zu heilen.” Also sprach der Herr zu Seinem Knecht Simeon.

Das von Gebrechen geplagte Volk aber rief, nach dem Herrn, den Namen des heiligen Simeon, des Gottgefälligen, an. Und viele schauten ihn in einer Schauung, wie er ihre Wohnstätten heimsuchte, sie mit dem Zeichen des Kreuzes überschattete und den Kranken Heilung spendete. Und aus den Schauungen erwachend, empfanden sie sogleich Gesundheit, da ihre Gebrechen von ihnen gewichen waren. Die Anrufung des Namens des heiligen Simeon aber vollzog sich unter ihnen also: Sie entzündeten in ihren Häusern die mit Öl gefüllten Öllampen, räucherten mit wohlriechendem Weihrauch und sprachen ihr Gebet, also lautend: „O Christus, unser Gott, um der Gebete deines Knechtes Simeon willen, der auf dem wundersamen Berge weilt, erbarme Dich unser!”

Also erlangten sie die Gnade des Herrn. Aber diejenigen unter ihnen, welche nicht hinlänglich Öl hatten, diese gossen gar wenig Öl in die Leuchte und entzündeten sie; und ihre Leuchte brannte unverlöscht bis zum dritten oder vierten Tage, als wäre hinlänglich Öl darin gewesen. Demnach nahm das Öl in ihren Leuchten nicht ab, durch die Anrufung des Namens des Heiligen Simeon.

Einst ward dem Ehrwürdigen Simeon kundgetan, dass das Ende des Hochheiligen Ephraim, des Erzbischofs von Antiochien, nahe sei. Darum, die Brüder zu sich rufend, tat er ihnen dies kund und befahl ihnen, zu Gott zu flehen, da ein großer Pfeiler der Kirche fallen werde. Jene aber sprachen: „Wir haben gehört, dass der Erzbischof gesund sei.“

An einem anderen Tage aber, am Freitag nach dem Gesang der Orthros, die Brüder zu sich rufend, sprach er in Demut zu ihnen: „Ephraim, der Hohepriester Gottes, ist in dieser Nacht gestorben, denn ich sah seine Seele von den heiligen Engeln zum Himmel emporgehoben werden, und da sie nahe bei mir war, küsste sie mich und sprach zu mir: «Ich bitte dich, gedenke meiner in deinen Gebeten zum Herrn.»

Solches sprach der Heilige unter Tränen und rief aus: „Wehe Antiochien, denn sie hat Ephraim nicht mehr! Wehe der Stadt, denn der heilige Ephraim ist ihr entrissen worden!“

Als nun nach der Entschlafung des seligen Ephraim Domnin den Bischofsstuhl bestieg, welcher von Konstantinopel gekommen war und den Armen gegenüber unbarmherzig sich erwies, da der heilige Simeon aber, als er davon Kunde erhielt, ihm die Züchtigung Gottes weissagte. Es währte nicht lange, da Domnin in Krankheit verfiel, und ihm Hände und Füße dermaßen verkrüppelten, dass er weder gehen noch wirken konnte, sondern von anderen getragen werden musste, gleich einem Holzscheit.

Dem Heiligen ward auch kundgetan von dem Erdbeben, das sich zu Antiochia zutragen sollte, furchtbarer noch als das erste. Und als er dies denen kundtat, die zu ihm kamen, weinte er und flehte zu Gott, dass Er Seinen Grimm abwenden möge. Und am nämlichen Tage, zur Abendstunde, erbebte die Erde in gewaltigem Stoß, und die Stadtmauern stürzten ein, und die hohen und prächtigen Bauten wurden dem Erdboden gleich, sodass das ganze Volk von gewaltigem Schrecken erfasst ward, denn viele wurden von den herabgestürzten Gebäuden erschlagen. Alle anderen aber, die Greise und die Jünglinge, flohen zu dem Gottesfreund auf dem wundersamen Berg, ihn unter vielen Tränen anflehend, dass er durch seine gottwohlgefälligen Gebete Seinen Grimm stillen möge.

Als nun der Heilige mit großem Eifer betete, hörte das Erdbeben auf, und er sah den Himmel geöffnet gegen Osten und ein unaussprechliches Licht von dort hervorgehen, wodurch die Barmherzigkeit Gottes bezeichnet ward, die sich dem bußfertigen Volke zeigte. Danach baute der ehrwürdige Simeon, auf Gottes Geheiß, ein Kloster und eine Kirche auf dem Wundersamen Berge, mit den Händen der von ihm geheilten Menschen, deren Zahl gar sehr groß war. Sodann erwirkte er genügend Wasser für die Bedürfnisse des Klosters und für die, die da kamen; den Weizen aber in den Vorratshäusern mehrte er durch sein Gebet in solcher Fülle, dass er drei Jahre lang sich nicht verminderte, obwohl alle Tage genug davon genommen ward, zur Bereitung des benötigten Brotes für die Menge der Menschen, die von überallher kamen.

Und er erbaute eine weitere neue Säule, zu welchem der Herr selbst mit Seinen heiligen Engeln herabstieg und ihn heiligte. Alsbald bestieg der Gerechte dieselben mit großer Herzensfreude und verweilte daselbst bis zu seinem seligen Ende. Im dreißigsten und dritten Jahre seines Lebens aber, auf Gottes Geheiß, das ihm durch göttliche Offenbarung zuteilwurde, wurde er angemahnt, die Würde des Priestertums anzunehmen, welcher er zuvor gänzlich abgeneigt war.

Alsdann kam zu ihm, auf Geheiß des Herrn, Dionysius, der Bischof von Seletchia, und weihte ihn zum Priester. So vollzog der heilige Simeon, nachdem er die Weihe empfangen hatte, mit Treue die göttlichen Mysterien, Gott makellos dienend, gleich einem Engel. Und ihm widerfuhren oft wunderbare Schauungen und göttliche Offenbarungen, und er verkündete auch, was geschehen sollte. Er schaute das Ferne voraus, als wäre es vor Augen, und durchschaute die verborgenen Dinge und Gedanken der Menschen. Und er wirkte unzählige Wunder auf Erden und zur See, sichtbar und in Schauungen: den Blinden gab er das Augenlicht, die Aussätzigen reinigte er, die Lahmen richtete er auf, die bösen Geister aus unzähligen Menschen vertrieb er, die Mäuler der wilden Tiere verschloss er, alle Wunden und alle Krankheiten heilte er, ja, er erweckte sogar einige Tote. Also erfüllte sich an ihm das Wort des Herrn Christus: „Wer an mich glaubt, der wird die Werke tun, die ich tue.“ Wahrlich, wunderbar offenbarte sich Gott in dem heiligen Simeon, Seinem wundersamen Knecht, wie es die eigene Schrift bezeugt, in welcher sein Leben und seine vielen Wunder ausführlich verzeichnet sind.

Als nun der selige Mann fünfundsiebzig Jahre seines Lebens zugebracht hatte und seine Heimkehr zum Herrn voraussehend, rief er seine Jünger zu sich. Da er aber wusste, dass sie zwar ein großes Verlangen trugen, ihn zu fragen, sich aber aus Gottseligkeit scheuten, wie er so viele Jahre gelebt hatte, ohne jemals menschliche Speise genossen zu haben, offenbarte er ihnen dies alsdann in seiner letzten Stunde, gleich einem liebenden Vater, auf dass er sie noch mehr stärke zu den geistlichen Kämpfen und auf dass sie Hoffnung zu Gott hegten.

Da sprach er zu ihnen: „Brüder und meine Söhne, ich habe viele und große Wohltaten von meinem Herrn empfangen, wie ihr wisset. Darunter bin ich eines großen Geschenkes aus Seiner Barmherzigkeit gewürdigt worden, welches ihr nicht kennet und ich euch offenbaren will. Seit vielen Jahren habe ich die Güte Gottes angefleht, dass Er mich von den verderblichen Speisen befreie. Doch wie aber soll ich berichten Deine Gnade und Güte, o Christus, die Du an mir, Deinem unwürdigen Knechte, erwiesen hast! Ich schaute, wie vom Himmel herabstieg ein Mann von Licht, angetan mit priesterlicher Kleidung und Zier, welcher in seinen Händen ein göttliches Gefäß trug. Aus jenem Gefäße entnahm er mittels einer Zange und reichte es mir dreimal, doch wusste ich nicht, was für eine Speise es war; nur dies wusste ich, dass sie süß im Geschmacke, weiß und unbeschreiblich anzuschauen war. Von jener Stunde an bis auf den heutigen Tag kam jener wundersame Mann an allen Sonntagen, nach der göttlichen Liturgie, und reichte mir jene göttliche Kommunion, welche in meinem Herzen Sättigung und Stärkung bewirkte bis zum nächsten Sonntag, und ich keineswegs hungerte. Allein dies habe ich vor euch verborgen gehalten, meine Söhne; all das Übrige aber wisset ihr, da ihr Miterben meiner geistlichen Mühen seid. Darum vermache ich euch meine Überlieferungen und meine Regel und erbitte von euch diese Belohnung: Dass ihr dieses mein Pfand unversehrt und unverfälscht bewahret, als ob ihr mich sähet. Dass ihr wandelt in guten Werken, gleichwie ihr wandeltet, als ich noch bei euch war; welches sich offenbaren wird am Großen Tage der Vergeltung, da ein jeder von euch empfangen wird nach seinen Werken“.

Dies alles geboth der Ehrwürdige Simeon seinen Jüngern, auf dass sie es unverbrüchlich hielten und ewige Ruh erlangten im Reiche des Himmels. Als er sodann noch viele andere denkwürdige Worte zu ihnen gesprochen hatte, schied er am vierundzwanzigsten Tage des Monats Mai hin zu Christus, dem von ihm Ersehnten, auf dass er Wohnung nähme in den unaussprechlichen und unbeschreiblichen Gütern, die Er ihm und all denen bereitet hat, die Ihn lieben und Seine heilsamen Gebote bewahren. Doch Seine hochverehrten und würdigen Gebeine verblieben dort in seiner heiligen Klause, auf dem wundersamen Berge, wo er seine wundersamen Mühen verrichtet hatte. Seine Jünger aber besitzen jene heiligen Gebeine als einen Wunderhort, der niemals sich leert, sondern je mehr er sich leert, desto mehr sich füllt und die Heilungen mehrt, nicht allein des Leibes, sondern auch der Seele, durch Jesus Christus, unseren Herrn, Dem alle Ehre, Herrlichkeit und Anbetung gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.