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Predigt zum 11. Sonntag nach Pfingsten (2026) über das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht

1 Kor. 9:2-12, Matth. 18:23-35

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 25
Predigt zum 11. Sonntag nach Pfingsten (2026) über das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Liebe Brüder und Schwestern! Unser Herr Jesus Christus sprach oft vom Reich der Himmel durch dem Menschen verständliche irdische Bilder. Wir denken an die Gleichnisse vom Sämann, vom Senfkorn, vom verborgenen Schatz auf dem Acker, von der kostbaren Perle. Irdische Dinge werden darin zum Bild einer geistlichen Wirklichkeit, die der Mensch nicht unmittelbar zu sehen vermag.

Heute spricht der Herr: „Das Himmelreich gleicht einem Menschen, einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte“ (Mt 18,23). So beginnt das Gleichnis vom König und seinen Schuldnern.

Zehntausend Talente – das war für einen Menschen jener Zeit eine praktisch unvorstellbare Summe. Ein Talent entsprach dem Arbeitslohn eines einfachen Arbeiters über viele Jahre. Es handelt sich um eine Schuld, die durch gewöhnliche menschliche Arbeit niemals zurückgezahlt werden konnte. Und als der Schuldner vor dem König niederfällt und bittet: „Herr, habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen“, da tut der König, worum jener nicht einmal zu bitten wagte: „Von Mitleid bewegt ... ließ er ihn los und erließ ihm die Schuld.“

Der König in diesem Gleichnis ist natürlich Gott selbst. Und von Gott sprach schon der alttestamentliche Prophet Micha: „Wer ist ein Gott wie du, der die Schuld vergibt und die Übertretung nicht anrechnet ...? Er zürnt nicht ewig, denn er liebt es, Barmherzigkeit zu üben“ (Mi 7,18).

Gott liebt es, Barmherzigkeit zu üben. Diese Worte des Propheten helfen vielleicht am besten, das heutige Gleichnis zu verstehen. Die Barmherzigkeit Gottes ist nicht ein zufälliges Entgegenkommen gegenüber einem Menschen, der das Glück hatte, vor einen gütigen Richter zu treten. Der Herr Selbst offenbart Sich uns als Einer, der die Barmherzigkeit liebt.

Und wir – begreifen wir denn, dass wir diese Barmherzigkeit nicht weniger nötig haben als jener große Schuldner aus dem Gleichnis?

Viele von uns scheinen diese eigene Not nicht wirklich zu spüren. Manchmal sagen wir: „Ich bin sündig wie alle.“ In diesen Worten liegt ein Körnchen Wahrheit – alle Menschen sind Sünder. Aber dahinter kann sich leicht der Gedanke verbergen: nichts Besonderes, ich habe niemanden umgebracht und nichts gestohlen.

Wenn wir jedoch unser Leben nicht am Maßstab des menschlichen Anstands, sondern am Maßstab des Evangeliums messen, ergibt sich ein völlig anderes Bild. In der Bergpredigt sagt Christus, dass der Zorn auf den Bruder bereits mit Mord verbunden ist (vgl. Mt 5,21–22) und der lüsterne Blick auf den Menschen mit Ehebruch (vgl. Mt 5,27–28). Das evangelische Maß betrifft nicht nur die Taten, die Menschen sehen, sondern auch das, was in unserem Herzen geschieht.

So gesehen ist vor Gott jeder von uns nicht lediglich ein kleiner Schuldner, der zufällig gestrauchelt ist, sondern ein Mensch, dem vergeben wurde, was er selbst niemals hätte zurückzahlen können.

Und nach dieser Vergebung geschieht etwas Erschütterndes. Derjenige, dem der König alles erlassen hat, trifft auf einen Menschen, der ihm hundert Denare schuldet. Auch dies ist durchaus eine echte Schuld. Aber jener, der eben noch Barmherzigkeit empfangen hat, will selbst nicht barmherzig sein.

Warum erzählt Christus dies? Weil die uns geschenkte Barmherzigkeit Gottes in unserem eigenen Leben fortwirken muss. Wir sprechen täglich: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wir bitten Gott um Vergebung und versprechen zugleich, denen zu vergeben, die uns etwas schulden.

Die hundert Denare bleiben eine Schuld. Jemand kann uns wirklich gekränkt, Schmerz zugefügt, ungerecht behandelt haben. Aber wenn wir jener Barmherzigkeit gedenken, die jeder von uns von Gott empfängt, dann können wir auf die Schuld eines anderen vor uns nicht mehr mit denselben Augen blicken.

Einen solchen Gott – der nicht ewig zürnt, sondern Barmherzigkeit liebt – zeigt uns Christus im heutigen Gleichnis. Wenn aber ein Mensch, der Barmherzigkeit empfangen hat, selbst die Barmherzigkeit verweigert, dann verwirft er sie. Der Herr sagt von einem solchen Menschen, der König habe ihn „den Folterknechten übergeben“, und schließt mit den Worten: „So wird auch mein himmlischer Vater mit euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebt“ (Mt 18,34–35).

Das ist eine schwerwiegende Warnung Christi an uns. Jedes Mal, wenn wir die Worte aus dem Vaterunser sprechen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – ist dies nicht nur eine Bitte um Gottes Vergebung. Wir sprechen von jenem Maß, mit dem wir selbst dem Nächsten vergeben sollen.

Gott liebt es, Barmherzigkeit zu üben. Lasst uns also Ihn bitten, dass Er auch uns die Barmherzigkeit lehre. Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester