Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Die heutige Evangeliumslesung führt uns nun schon seit Jahren immer wieder auf die Frage nach der Vollkommenheit zurück. Doch am Ende stehen Worte, die man leicht überhören kann, wenn man sich erst einmal von der Geschichte des Jünglings fesseln lässt.
Der Jüngling trat an den Herrn heran mit der aufrichtigen Frage: „Was soll ich Gutes tun, um das ewige Leben zu haben?“ (Mt 19,16). Die Frage scheint einfach: Wenn es das ewige Leben gibt, dann muss es auch eine gute Tat geben, die es ermöglicht, es zu erlangen.
Der Herr antwortet: „Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Und Er zählt auf: Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsch Zeugnis ablegen, Vater und Mutter ehren. Dann fügt Er Worte aus dem Buch Levitikus hinzu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,18).
Dieses Gebot war nicht unter denen, die Mose auf dem Berg Sinai gegeben wurden. Aber Christus stellt die Liebe zum Nächsten auf eine Stufe mit ihnen. Und dieses Gebot war bereits im Alten Testament von Gott gegeben worden.
Der Jüngling antwortet: „Dies alles habe ich beobachtet von meiner Jugend auf.“ Daraufhin sagt der Herr zu ihm: „Geh, verkaufe deine Habe und gib sie den Armen … und komm, folge Mir nach!“ (Mt 19,21).
Hier geschieht etwas ganz anderes. Das ist nicht mehr ein Gebot, von dem man sagen könnte: Siehe, auch dieses Gebot habe ich erfüllt. Christus ruft den ganzen Menschen – sein ganzes Leben, seinen Willen, sein Herz.
Der Jüngling streitet nicht mit Christus. „Er ging betrübt weg, denn er hatte viele Güter.“ (Mt 19,22). Seine Trauer offenbart, was vorher selbst ihm nicht sichtbar war. Die Gebote hatte er offenbar tatsächlich gehalten. Aber nun zeigt sich, dass sein Herz stärker an seine Güter gebunden war, als er sich bewusst war.
Der weise Salomon sagt: „Vor allem aber bewahre dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.“ (Spr 4,23). Bis zu diesem Augenblick war der Jüngling überzeugt, die Gebote erfüllt zu haben. Nun aber rührt Christus das an, woran sein Herz hing.
Daraufhin fragen die Jünger: „Wer kann dann überhaupt gerettet werden?“ (Mt 19,25). Und hier erklingt die zentrale Antwort des heutigen Evangeliums: „Bei den Menschen ist das unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“ (Mt 19,26).
Der Mensch ist zur Vollkommenheit berufen, aber aus eigener Kraft kann er sie nicht erreichen. Der Apostel Paulus spricht heute aus eigener Erfahrung davon. Er nennt sich selbst „den Geringsten unter den Aposteln“ und dieses Namens unwürdig, weil er zuvor die Kirche Gottes verfolgt habe (1 Kor 15,9). Aber sogleich sagt er: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen.“ (1 Kor 15,10).
Der Apostel Paulus hat sich sehr für die Verkündigung des Evangeliums abgemüht. Aber er schreibt diese Mühe nicht sich selbst zu: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war.“ Das ist das Geheimnis des christlichen Lebens: Der Mensch wirkt tatsächlich mit und folgt tatsächlich Christus nach, aber die Kraft auf diesem Weg ist die in ihm wirkende Gnade Gottes.
Dem Jüngling sagt Christus: „Komm und folge Mir nach!“ Der Apostel Paulus antwortet mit seinem ganzen Leben auf diesen Ruf. Darum können seine Worte auch zu unserem Bekenntnis werden: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“
Wie der Jüngling stehen auch wir mit all unserem Habe, mir dem ganzen Gepäck unseres Lebens vor dem Herrn – mit all dem, was wir für unser Eigentum, für wichtig und notwendig halten. Und das Evangelium erinnert uns daran: Nichts von all dem darf zu einem Hindernis werden, Christus nachzufolgen. Wir müssen lernen, das loszulassen, woran wir festhalten, und Ihm weiter nachfolgen.
Die heutige Evangeliumserzählung belässt uns mit Hoffnung. Wir sind berufen, die Gebote zu halten, den Nächsten zu lieben und Christus nachzufolgen. Unsere eigenen Kräfte mögen dafür nicht ausreichen. Aber „bei den Menschen ist das unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich“.
Amen.