Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, am heutigen großen Fest der Verklärung des Herrn hören wir, wie Christus mit drei Jüngern auf den Berg steigt und wie Ihm Moses und Elija zur Seite treten – das Gesetz und die Propheten, die ganze Fülle des Alten Testaments, die von Christus zeugt.
Moses redete schon zu seiner Zeit mit dem Herrn „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet“ (Ex 33,11) – in einer solchen Nähe und Freundschaft, wie sie kein anderer Prophet kannte. Und doch, als Moses selbst bat: „Zeige mir Deine Herrlichkeit!“ (Ex 33,18), antwortet der Herr: „Du kannst Mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der Mich sieht… Wenn aber Meine Herrlichkeit vorübergeht, will Ich dich in die Felskluft stellen und Meine Hand über dich decken, bis Ich vorübergegangen bin; und dann will Ich Meine Hand von dir ziehen, und du wirst Mir von hinten nachsehen“ (Ex 33,20–23). Selbst dem engsten Freund Gottes war es nur gegeben, das zu schauen, was vom Vorüberzug der Herrlichkeit übrigbleibt. Ähnlich suchte auch Elija am Horeb den Herrn im Sturm, im Erdbeben, im Feuer – und fand Ihn nicht, bis er den Hauch eines sanften Windes hörte (1 Kön 19,11–12). Da bedeckte Elija sein Gesicht mit seinem Mantel.
Und nun wird auf dem Tabor das Angesicht Gottes im Antlitz Christi offenbar. Dieselben Moses und Elija stehen jetzt Christus von Angesicht zu Angesicht gegenüber und reden mit Ihm – all dies geschieht vor den Augen der Jünger. Auf dem Tabor schauen sie, was selbst der Freund Gottes, Moses, nicht sah: Sie hören nicht nur das Wort Gottes, sondern schauen Seine Herrlichkeit, die nun im menschlichen Angesicht erschienen ist – denn das Wort ist Fleisch geworden. Moses und Elija stehen nicht mehr vor einem Widerschein der Herrlichkeit, sondern vor dem, der Selbst ihre Quelle ist. Gott selbst ist sichtbarer und fassbarer Mensch geworden. In Christus wird offenbar, wozu die menschliche Natur tatsächlich berufen und befähigt ist – zur Vereinigung mit dem Schöpfer und zur Gemeinschaft mit Gott.
Der Apostel Petrus, der damals auf dem Berg stand, schrieb viele Jahre später: „Wir haben euch die Macht und die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus nicht nach klug ausgedachten Fabeln kundgetan, sondern als die, welche Augenzeugen seiner Hoheit gewesen sind“ (2 Petr 1,16). Doch im selben Brief ruft der Apostel etwas früher auf: „Reichet in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis… in der Geduld aber die Frömmigkeit“ (2 Petr 1,5–6). Petrus hatte das Licht des Tabor mit eigenen Augen gesehen und wusste aus Erfahrung: Die Schau allein genügt nicht. Denn es verging einige Zeit, und in der Nacht vor den Kreuzesleiden vermochte Petrus nicht einmal eine Stunde mit Ihm zu wachen, und bald darauf verleugnete er dreimal den, dessen Herrlichkeit er mit eigenen Augen gesehen hatte.
Es ist leicht, mit Worten zu glauben, aber schwer, nach dem Glauben zu leben. Man kann voller Aufrichtigkeit den Glauben bekennen, das Glaubensbekenntnis auswendig lernen, sich am Evangeliumsbericht vom Tabor erbauen – und eine Stunde später wieder so leben, als hätte man dieses Licht nie gesehen. Nicht umsonst spricht am Fuße desselben Berges, von dem Christus nach der Verklärung herabstieg, der Vater des besessenen Knaben Worte, die wohl jedem gläubigen Herzen bekannt sind: „Ich glaube, Herr; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24). Zwischen unserem Glauben und unserem Leben bleibt eine Distanz, die mit Worten allein nicht zu überwinden ist.
Der Apostel Petrus vergleicht das Licht des Tabor mit einem Leuchter, der an einem dunklen Ort scheint, „bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen“ (2 Petr 1,19). Das bedeutet, dieses Licht ist gegeben, damit es allmählich, Tag für Tag, in unser Leben eingeht und nicht eine seltene und flüchtige Erleuchtung bleibt. Lasst uns den Herrn bitten, dass Er selbst, Schritt für Schritt, uns auf diesem Weg führt, wie einst Moses, Elija und die Apostel. Amen.