Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Heute beschließt die Kirche das Fest der Erhöhung des kostbaren und lebensspendenden Kreuzes des Herrn, und jetzt werden wir das kostbare Kreuz aus der Mitte der Kirche zurück in den Altarraum tragen. In der Lesung aus dem Evangelium spricht der Herr: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach.“ (Mk. 8,34), und der Apostel Paulus sagt, wie das geschieht: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; ich lebe aber, nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal. 2,19–20). Sich selbst verleugnen heißt, aufzuhören, nur für das eigene „Ich“ zu leben. Es bleibt die Frage: Wie sieht das an einem ganz gewöhnlichen Tag aus?
Die Antwort hören wir im Evangelium im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht. Der Apostel Petrus fragt den Herrn, wie oft man dem Bruder vergeben müsse, ob bis siebenmal, und der Herr antwortet: „nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmal siebenmal“ (Mt. 18,22). Diese Zahl erinnert an die Worte Lamechs, des Nachkommen Kains, der prahlte: „Wenn Kain siebenmal gerächt wird, so Lamech siebzigmal siebenmal.“ (Gen. 4,24). Lamech nennt diese Zahl, als er von Rache spricht. Christus nimmt dieselbe Zahl und wendet sie auf die Vergebung an. Und da der Christus vom Himmelreich spricht, zeigt Er uns seine Ordnung: Hier rechnet man Kränkungen nicht auf und fordert keine Vergeltung. Hier wirkt die Barmherzigkeit, die Er Selbst durch Sein ganzes Leben erwiesen hat.
Darüber erzählt der Herr ein Gleichnis. Darin erlässt der König einem Knecht eine Schuld von zehntausend Talenten, eine Summe, die man in einem ganzen Leben nicht abarbeiten kann. Jener aber ergreift, kaum dass er vom König hinausgegangen ist, seinen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldet, bei der Kehle. Die Schuld war ihm vergeben, doch er lebte weiter wie zuvor: „ich“, „mein Geld“, „mein Recht“. Die Begegnung mit dem barmherzigen König hatte nichts in ihm verändert.
Das also ist „ich lebe“. Und das „nun lebe nicht mehr ich“ bedeutet in einer solchen Lage etwas ganz Konkretes: auf sein angebliches Recht auf die „hundert Denare“ zu verzichten. Der alttestamentliche Jesus, der Sohn Sirachs, sagt: „Vergib deinem Nächsten die Kränkung, so werden dir auf dein Gebet hin deine Sünden vergeben.“ (Sir. 28,2). Die Kraft dazu gibt uns das Kreuz, von dem aus erklang: „Vater, vergib ihnen“ (Lk. 23,34). Christus hat uns vergeben, indem Er unsere Schuld auf Sich genommen hat.
Heute gedenkt die Kirche auch jener, die diesen Weg hier, in unserem Land, gegangen sind – der Synaxis aller Heiligen der deutschen Lande. Zum Beispiel lebte die heilige Afra von Augsburg der Überlieferung nach bis zur Begegnung mit Christen als Dirne. Als Bischof Narcissus auf der Flucht vor Verfolgung in ihrem Haus Zuflucht fand und vor dem Mahl betete, erschütterte dieses einfache Gebet sie. Sie empfing die heilige Taufe zusammen mit ihrer Mutter und drei Gefährtinnen. Als dann die Zeit der Verfolgung kam, weigerte sie sich, den Götzen zu opfern, und erlitt den Märtyrertod. Ihr wurde viel vergeben, und diese Barmherzigkeit wurde zu ihrem Lebensinhalt bis ans Ende.
Der heilige Ansgar kaufte Gefangene los, zahlte für die Freiheit anderer, und die ehrwürdige Walburga gründete ein Kloster, in dem Arme und Kranke aufgenommen wurden. Die Menschen sind verschieden und die Dienste sind verschieden, doch in jedem von ihnen wird jene Barmherzigkeit sichtbar, die sie selbst empfangen haben.
Das sind keine fremden Heiligen. Das sind unsere Heiligen. Und das nicht, weil wir heute beschlossen hätten, sie die unseren zu nennen. Sie gehörten lange vor uns zu Christus, viele Jahrhunderte bevor der heilige Wladimir die Rus taufte. Als der ehrwürdige Sergius von Radonesch geboren wurde – im Jahr 1314 –, blickte das Christentum in diesen Landen bereits auf fast tausend Jahre Geschichte zurück. Als der ehrwürdige Seraphim von Sarow geboren wurde, war dieses Land schon viele Jahrhunderte ein christliches Land. Und deshalb machen die für uns ungewohnten Namen die deutschen Heiligen nicht fremd. Wir Orthodoxen kamen viele Jahrhunderte später in dieses Land und entdeckten, dass es durch sie Christus bereits kannte.
Das Kreuz wird in den Altarraum getragen, und das Fest ist vollendet. Doch die Worte des Apostels bleiben mit uns: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“ Darum lohnt es sich, Gott zu bitten: dass Christus in uns lebe und dass wir zu vergeben lernen.
Heilige Märtyrerin Afra, ehrwürdige Walburga, heiliger Ansgar und alle Heiligen, die im deutschen Land gewirkt haben, bittet Gott für uns! Amen.