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Predigt zum Fest der Kreuzerhöhung (2026)

1 Kor. 1:18-24; Joh. 19:6-11,13-20,25-28,30-36

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 103
Predigt zum Fest der Kreuzerhöhung (2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Das Fest der Erhöhung des kostbaren und lebensspendenden Kreuzes des Herrn verbindet, so scheint es, Unvereinbares: das Werkzeug der schmachvollsten Hinrichtung – und den Triumph, das Frohlocken der Kirche. Der Apostel Paulus sagt heute direkt, woher dieser Widerspruch rührt: „Das Wort vom Kreuze ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die selig werden, ist es Gottes Kraft“ (1 Kor. 1,18). Was der Welt als Torheit erscheint, eben darin offenbart sich uns Gott selbst.

Der Sohn Gottes wird Mensch. Der Herr und Schöpfer der Welt tritt in das menschliche Leben ein und nimmt dessen ganze Last auf sich: Er beugt seinen Nacken unter das Gesetz, das Er selbst Mose gegeben hat, wächst im Gehorsam, arbeitet, trauert, weint am Grab des Freundes. Er gerät in die Hände von Menschen, die gekommen sind, Ihn zu richten. Er erträgt Schmähungen von denen, die zu retten Er selbst gekommen ist. Er stirbt am Kreuz.

Selbst das genügt nicht, um die Tiefe Seiner Demut zu ermessen. Das Alte Testament sagt deutlich: „Verflucht ist vor Gott, wer am Holze hängt“ (Dtn. 21,23). Doch der Apostel Paulus zieht daraus eine furchtbare und zugleich heilbringende Folgerung: „Christus hat uns erlöst von dem Fluche des Gesetzes, da er für uns zum Fluche ward“ (Gal. 3,13). Christus nimmt um unseretwillen sogar den Fluch auf sich. So weit reicht die Demut Gottes. Und auch hier bleibt sie nicht stehen: Christus steigt in die Tiefen der Hölle hinab und ersteht von dort auferstanden in Herrlichkeit.

Und deshalb lässt sich das Kreuz, das heute inmitten des Gotteshauses aufgerichtet wird, nicht einfach auf das Symbol unserer Religion reduzieren. Das Kreuz zeigt uns die Größe der göttlichen Demut und die Tiefe Seiner Liebe zum Menschen – das, was sich weder in die menschliche Logik des Juden noch in die des Griechen fügt. Für den einen ist es Ärgernis: Kann Gott denn schwach und beschämt sein? Für den anderen ist es Torheit: Kann die Weisheit denn wie eine Niederlage aussehen?

Aber womöglich kommt man der Wahrheit näher, wenn man ehrlich sagt: Wir selbst stehen bisweilen gar nicht so weit von dieser Logik entfernt. Wir haben uns nur so sehr an das Kreuz gewöhnt, dass man unsere Haltung ihm gegenüber mitunter kaum anders als Gleichgültigkeit nennen kann. Das Kreuz ist so vertraut geworden, dass wir aufhören, uns darüber zu wundern, was es bedeutet.

Der Glaube an Christus wird leicht zu einem Teil der Kultur, der Familientradition, des Festkalenders. Sogar die Taufe wird mitunter einfach als ein Ritus aus der Vergangenheit wahrgenommen – als ein Ereignis, nach dem es im Leben etwas mehr Verwandte, Anlässe zum Zusammensein und häusliche Behaglichkeit gibt. Das Kreuz verwandelt sich in ein Schmuckstück – schön, wiedererkennbar, aber eines, das keine Fragen aufwirft. Doch die Frage drängt sich ja von selbst auf: Was bedeutet dieses Kreuz? Was offenbart es über den Gott, der sich bis zu solcher Tiefe hingegeben hat? Und was folgt daraus für unser Leben?

Denn wenn vor uns wirklich jener Gott steht, der sich bis zum Tode, ja zum Tode des Kreuzes erniedrigt hat, dann kann der Glaube an Christus nicht bloß eine Bezeichnung bleiben. Wenn Gott sich um unseretwillen so sehr erniedrigt hat, wie kann dann unser Glaube bequem, halbherzig, nur gelegentlich am Wochenende stattfinden? Das Kreuz ist eben nicht einfach ein Zeichen der Zugehörigkeit zur Kirche. Die Taufe ist nicht einfach ein Familienfest. Christus ruft jeden Menschen dazu auf, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Ihm nachzufolgen.

Das bedeutet nicht, Leiden zu suchen. Es bedeutet, zu lernen, vor Gott in Liebe, Demut und Treue zu Christus zu leben: Ihm treu zu bleiben, wenn es schwerfällt; sich von der Sünde abzuwenden, wenn sie bequem erscheint; zu vergeben; zu erdulden; das Leben nicht danach zu messen, wie viel Anerkennung, Achtung, Liebe und Fürsorge wir empfangen haben, sondern sich selbst Gott und dem Nächsten hinzugeben.

Heute ist das Kreuz in der Mitte der Kirche aufgerichtet – nicht als Emblem, sondern als Erinnerung an das unbegreifliche Maß der Liebe Gottes. Und mit ihm öffnet sich vor uns erneut das Geheimnis des Kreuzes: wie sehr Gott sich um des Menschen willen erniedrigt hat. Wenn wir wenigstens beginnen, dies zu verstehen, kann das Kreuz für uns nicht länger ein gewöhnliches Schmuckstück bleiben. Unser ganzes Leben muss nach und nach zur Antwort an den werden, der uns bis ans Ende geliebt hat.

Durch die Kraft des kostbaren und lebensspendenden Kreuzes möge der Herr sich unser erbarmen und uns erretten. Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester