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Predigt zum 20. Sonntag nach Pfingsten (2026) über die Goldene Regel und die Feindesliebe

Gal. 1:11-19; Lk. 6:31-36

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 65 |
Predigt zum 20. Sonntag nach Pfingsten (2026) über die Goldene Regel und die Feindesliebe

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

„Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen“ (Lk 6,31), sagt der Herr zu Seinen Jüngern. Die Goldene Regel ist jedem verständlich: Wir wissen, wie weh es tut, wenn man uns erniedrigt, betrügt, zu Unrecht beschuldigt, und wir bemühen uns, nicht so zu handeln. Doch sogleich spricht Er vom Allerschwersten: „Vielmehr liebt eure Feinde, und tut Gutes, und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen“ (Lk 6,35).

Dieses Gebot erklang in der Schrift schon früher. So heißt es bereits im Buch Exodus: „Wenn du den Esel deines Feindes unter seiner Last liegen siehst, so lass ihn nicht im Stich, sondern hilf ihm auf“ (Ex 23,5). Das Gesetz spricht hier von einem Tun: Du hast jemanden in Not gesehen – hilf ihm. Dafür muss man sich weder mit dem Besitzer des Esels aussöhnen noch warme Gefühle für ihn hegen. Der Herr offenbart den Grund solcher Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, denn Er ist „gütig gegen die Undankbaren und Bösen“ (Lk 6,36.35).

Unter diesen Undankbaren und Bösen sind auch wir. Auch wir vergessen Gott, nehmen Seine Gaben als selbstverständlich hin und erweisen uns immer wieder als Seiner Liebe unwürdig. Gott schenkt Leben denen, die Ihm dankbar sind, und denen, die Seiner nicht gedenken. Er hat nicht gewartet, bis wir würdig geworden sind: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm 5,8). Wir sind mit Gott versöhnt worden, „als wir noch Feinde waren“ (Röm 5,10). Wir leben von dieser Barmherzigkeit. Den Feind zu lieben heißt, auch ihm Raum für diese Barmherzigkeit zu lassen.

Der Apostel Paulus wusste das aus eigener Erfahrung. In der heutigen Lesung erinnert er daran, dass er die Kirche Gottes verfolgte und zerstörte. Er war noch ein Feind, als Gott ihn, wie Paulus selbst schreibt, „durch seine Gnade“ berief und es Ihm gefiel, „seinen Sohn in mir zu offenbaren“ (Gal 1,15–16). Verdienen konnte Paulus diese Berufung durch sein früheres Tun nicht. Hananias, dem der Herr befahl, zu Saulus zu gehen, wandte ein: „Herr, ich habe von vielen über diesen Mann gehört, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat“ (Apg 9,13). Doch er ging hin, legte ihm die Hände auf und sagte: „Bruder Saul“ (Apg 9,17).

Dieses Gebot ist leicht zu hören und schwer anzunehmen. In uns lebt das Verlangen nach Gerechtigkeit: Der Mensch soll ernten, was er gesät hat; wenigstens einmal soll er begreifen, wie mir zumute war. Wir wünschen ihm kein Unglück, aber wir hören mit Vergnügen zu, wenn bei ihm etwas schiefgeht. Oder wir kehren in Gedanken immer wieder zu seiner Schuld zurück, als müssten wir verhindern, dass sie in Vergessenheit gerät. In solchen Augenblicken wird das Unglück des anderen für uns zu einer kleinen Vergeltung.

So zu lieben, wie Gott liebt, vermögen wir nicht. Aber wir können aufhören, für Ihn zu entscheiden, wer Seiner Barmherzigkeit unwürdig ist. Wer ein Mensch einmal werden wird, weiß Gott allein. Die ganze Kirche fürchtete einst Saulus, und heute lesen wir seine Briefe. Den Feind zu lieben heißt nicht, das Böse zu rechtfertigen oder ihn Schaden anrichten zu lassen: Man kann der Ungerechtigkeit Einhalt gebieten, sich vor dem schützen, der uns Unrecht tut, und Grenzen setzen. Doch auch wer uns Unrecht tut, bleibt ein Mensch, für den Christus gestorben ist.

Ist ein solcher Mensch in unserer Nähe, so fangen wir mit dem an, was in unseren Kräften steht: Wir greifen ein Gespräch nicht auf, in dem er erniedrigt wird; wir antworten nicht mit Beleidigung auf Beleidigung; wir freuen uns nicht über sein Missgeschick. Wenn er in Not ist, helfen wir, so gut wir können und soweit es ungefährlich ist. Und wenn auch das noch zu schwer ist, bleibt uns das Gebet.

Heute haben wir vor dem Kelch das Vaterunser gesungen: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Jeder von uns hat einen Namen, bei dem diese Worte stocken. Nennen wir ihn: Herr, erbarme Dich seiner und meiner. Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester