Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Das Fest des Schutzes der Gottesmutter erinnert uns an ein Ereignis in der Blachernenkirche zu Konstantinopel. Nach der kirchlichen Überlieferung drohte der Stadt damals Unheil, und die Menschen beteten die ganze Nacht hindurch. Während dieses Gebets sah der heilige Andreas, der Narr um Christi willen, die Gottesmutter mitten unter den Betenden stehen. Sie betete für die Menschen und breitete ihren Schutz über sie aus. Nur Andreas und sein Schüler Epiphanius sahen sie. Die anderen beteten weiter, ohne die Erscheinung wahrzunehmen, und doch war der Schutz über alle ausgebreitet.
Diese Erscheinung wurde für die Kirche zum Zeugnis dafür, dass die Gottesmutter bei ihren Kindern bleibt und vor Gott für sie eintritt.
Seither wenden sich die Christen mit der Bitte um Fürsprache an sie. Wir bitten sie, uns, unsere Nächsten und unsere Häuser zu beschützen, uns in Krankheit und Sorge beizustehen und uns in schweren Zeiten zu stärken. Hinter diesen Gebeten steht das Vertrauen auf die mütterliche Liebe der Gottesmutter. Wir glauben, dass sie unsere Bitten hört und für uns betet.
Doch hier erhebt sich eine Frage, die in Zeiten der Prüfung besonders schmerzt: Wenn die Gottesmutter uns mit ihrem Schutz bedeckt, warum geschieht dann dennoch Unglück in unserem Leben? Warum werden Angehörige krank und sterben, warum kommen Not und Leid, warum bleiben mitunter auch die inständigsten Gebete scheinbar ohne Antwort?
Der Überlieferung nach wurde die Stadt gerettet. Es wäre jedoch ein Irrtum zu folgern, dass inständiges Gebet stets zu dem Ergebnis führt, das wir erwarten. Wir können das Gebet nicht zu einem Mittel machen, das uns Sicherheit garantiert. Der Schutz der Gottesmutter ist keine Verheißung, dass es in unserem Leben keine Sorgen mehr geben wird.
Der Herr Jesus Christus Selbst ist durch Leiden und Tod gegangen. Und schon im Tempel, als man Ihn am vierzigsten Tag nach Seiner Geburt dorthin brachte, sagte der gerechte Simeon zur Gottesmutter: „Und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen“ (Lk 2,35). Sie stand unter Seinem Kreuz und teilte mit Ihm den tiefsten Schmerz. Ihre Nähe zu Gott bewahrte sie nicht vor dem Leid. Doch auch am Kreuz war sie von Gott nicht verlassen. Sie, die alles, was über ihren göttlichen Sohn gesagt worden war, in ihrem Herzen bewahrte (vgl. Lk 2,19.51), blieb Gott treu, selbst als sie Ihn gekreuzigt sehen musste. Durch den Tod Christi ist unser Heil vollbracht worden, und der Tod ist nicht das letzte Wort geblieben.
Darum darf man auch die Fürsprache der allheiligen Gottesmutter nicht danach bemessen, ob sie uns in diesem Augenblick von einem Unglück befreit hat. Wir dürfen sie in ganz konkreten Nöten um Hilfe bitten, und die Kirche kennt viele Fälle solcher Hilfe; doch sie verheißt nicht, dass jedes Unglück unweigerlich an uns vorübergeht. Warum in einem Fall Hilfe kommt und im anderen, wie es scheint, nicht, das wissen wir nicht. Wir dürfen nicht vorschnell jede Prüfung zu etwas Gutem erklären oder versuchen, den Schmerz eines anderen zu deuten. Wir können nur glauben, dass die Gottesmutter auch im Unglück für uns betet und nicht nur davor. Der Psalmist sagt: „Im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen, bis das Unheil vorübergeht“ (Ps 56,2). Es ist eine Zuflucht mitten in den Heimsuchungen, nicht anstelle von ihnen. Und in der Trübsal folgen wir Christus nach, der Selbst durch Leiden und Tod gegangen und auferstanden ist.
Am Schluss des heutigen Evangeliums ruft eine Frau aus dem Volk: „Selig der Leib, der dich getragen hat!“ Christus antwortet: „Selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es bewahren“ (Lk 11,27–28). Damit zeigt Er, worin die Seligkeit Seiner allreinen Mutter besteht: Sie bewahrte Gottes Wort in Nazareth ebenso wie unter dem Kreuz. Unter ihrem Schutz zu stehen heißt zu wissen, dass wir auch in der Trübsal nicht allein gelassen sind. Die Gottesmutter selbst hat tiefsten Schmerz erfahren und ist Gott bis ans Ende treu geblieben.
Allheilige Gottesmutter, bedecke uns mit deinem kostbaren Schutz und bitte deinen Sohn und unseren Gott, dass unsere Seelen gerettet werden. Amen.