predigt

Predigt zum Gedächtnis des Heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge (2026)

Kol. 3:12-16; Matth. 11:27-30

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 30
Predigt zum Gedächtnis des Heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge (2026)

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Am Tag unseres Patronatsfestes ehren wir das Gedächtnis unseres himmlischen Schutzpatrons, eines Heiligen, dessen Name außerhalb unserer Gemeinde vergleichsweise selten fällt. Und doch ist gerade er unser geliebter, uns nächster Fürsprecher vor dem Thron Gottes, und zu ihm beten wir jeden Tag.

Wenn man beginnen würde, über den heiligen Simeon zu erzählen – dass er im Alter von sieben Jahren auf eine Säule stieg, strenge Askese übte, mit Engeln und himmlischen Mächten Zwiesprache hielt –, würde ein heutiger Zuhörer vermutlich sagen: „das ist nichts für mich“. Und damit hätte er auf seine Weise recht. Wir sind zwar orthodoxe Christen, aber keine Säulenheiligen. Wir leben in der Stadt, gehen zur Arbeit, ermüden, ärgern uns manchesmal. Was hat ein Mensch, der im sechsten Jahrhundert lebte und den größten Teil seines Lebens auf einer steinernen Säule verbrachte, mit uns zu tun?

Doch im Leben des heiligen Simeon gibt es ein Detail, das uns die Antwort gibt. Kurz vor seinem seligen Tod versammelte der heilige Simeon die Bruderschaft und offenbarte ihnen zum ersten Mal, was er viele Jahre lang geheim gehalten hatte. Jeden Sonntag, nach der Göttlichen Liturgie, kam zu ihm ein lichter Mann in priesterlichen Gewändern und spendete ihm die Kommunion aus einem wunderbaren Gefäß. Diese Speise war weiß, süß, unbeschreiblich im Geschmack – und sie sättigte ihn bis zum nächsten Sonntag. So geschah es viele Jahre.

Das heißt, die Grundlage seines ganzen Lebens ist nicht Askese um der Askese willen, nicht das Verlangen nach geistlichem Triumph, sondern die Vereinigung mit Christus. Dasselbe, was auch hier und heute in unserer Kirche bei jeder Göttlichen Liturgie geschieht. Deshalb sind wir, die wir zeitlich und räumlich so weit von ihm entfernt sind, dennoch mit ihm verwandt: Die Säule ist nicht das Wesentliche seines Lebens. Sie ist nur die Form, die seine Suche annahm, der er sich seit seinem sechsten Lebensjahr verschrieben hatte – er dürstete danach, bei Gott zu sein. Er suchte nicht Wunder, nicht Ruhm, nicht geistlichen Trost. Einfach – bei Gott zu sein. Die Säule war sein Weg, alles Überflüssige wegzulassen, damit nichts dieses einzige Ziel behinderte.

Unser heiliger himmlischer Schutzpatron ist kein ferner und unverständlicher Asket. Er ist ein Mensch, der den Mittelpunkt seines Lebens in demselben gefunden hat, worin auch wir ihn zu finden berufen sind.

Unsere Kirche trägt seinen Namen bereits seit einhundertzweiundfünfzig Jahren. Schon ihr Bau durch die Mühen von Menschen verschiedener Nationalitäten und Konfessionen erinnert uns an jene Kraft, die Menschen um Gott herum verbinden kann. In dieser langen Zeit hat die Kirche viel erlebt. Kriege, Zeitenwechsel, die Zerstörung der Stadt ringsum. In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, als Dresden durch Bombenangriffe zerstört wurde, fanden hier mehr als zweihundert Menschen Zuflucht – und alle blieben am Leben. Die Kirche hielt stand mitten im Feuer und der völligen Zerstörung. Ist dieses offensichtliche Wunder etwa einfacher zu erklären als die Wunderberichte aus der Vita des heiligen Simeon?

Und hier stellt sich die wichtigste Frage – nicht an die Geschichte, sondern an uns. Der heilige Simeon vom Wunderbaren Berg suchte sein Leben lang nur eines. Was aber suchen wir, wenn wir hier zu ihm kommen? Trost im Leid – das ist verständlich und gut. Hilfe in schwierigen Umständen – auch. Aber haben wir jemals diese schlichte Sehnsucht – bei Gott zu sein? Nicht etwas von Ihm zu bekommen, sondern bei Ihm zu sein?

Unser himmlischer Schutzpatron betet für uns – nicht weil wir es verdient hätten, sondern weil es der Dienst seiner Liebe ist: für uns Fürsprache zu halten vor dem Thron des Allerhöchsten. Achtundsechzig Jahre auf der Säule waren ein einziges ununterbrochenes Gebet – und dieses Gebet hat mit seinem seligen Tod nicht aufgehört.

Unsere Aufgabe ist indes bescheidener. Wir brauchen nicht auf eine Säule zu steigen. Es genügt, dass wir hierherkommen und nicht an Dem vorübergehen, Dem unser heiliger himmlischer Schutzpatron diente und nach Dem er mit seinem ganzen Leben suchte.

Ehrwürdiger Vater Simeon, bitte Gott für uns! Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester