predigt

Predigt zum Sonntag aller Heiligen (2026)

Hebr. 11:33-12:2; Mt. 10:32-33, 37-38; 19:27-30

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 16
Predigt zum Sonntag aller Heiligen (2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Am ersten Sonntag nach Pfingsten begeht die Kirche das Gedächtnis aller Heiligen.

Noch vor kurzem hörten wir von der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel. Und heute zieht vor unseren Augen eine unzählige Schar von Menschen verschiedener Zeiten, Völker und Schicksale vorüber: Apostel und Märtyrer, heilige Bischöfe und Mönche, fromme Herrscher und einfache Gerechte. Das Gedächtnis aller Heiligen offenbart uns, wozu der Heilige Geist der Welt geschenkt wurde.

Im heutigen Evangelium erklingen Worte, die man schwer hören kann, ohne innerlich betroffen zu sein: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ (Mt 10,37) Sollte Christus wirklich von einem Menschen verlangen, die Liebe zu seinen Angehörigen aufzugeben?

Nein. Der Herr spricht von etwas anderem. Er legt die entscheidende Frage des menschlichen Lebens offen: Wer ist Christus für mich, und welchen Platz nimmt Er in meinem Herzen ein?

Für viele Menschen bleibt Christus ein großer Lehrer, ein moralisches Vorbild oder ein Teil der kulturellen Tradition. Aber die Heiligen sahen in Christus nicht bloß eine Lehre oder eine Idee. Sie begegneten dem lebendigen Herrn. Christus wurde für sie nicht zu einem Wert unter vielen, sondern zu dem Schatz, um dessentwillen der Mensch bereit ist, alles andere aufzuopfern. Aus diesem Grund sagt der Apostel Petrus im Namen der Jünger zum Herrn: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ (Mt 19,27)

Das Fest aller Heiligen spricht jedoch nicht nur von großen Glaubenstaten. Sonst würde der Großteil von uns darin sicher nur eine unerreichbare Höhe sehen.

Ein Heiliger ist jemand, in dem durch die Gnade des Heiligen Geistes die verlorene Gottähnlichkeit des Menschen wiederhergestellt wird. Die Ähnlichkeit mit Gott offenbart sich nicht in irgendwelchen außergewöhnlichen Gaben, sondern vor allem darin, dass der Mensch so zu leben beginnt, wie Christus geboten hat – mit Gott und in Gott. Gott ist die Liebe – und wer liebt, wird des göttlichen Lebens teilhaftig. Gott ist barmherzig – wer barmherzig ist, wird ihm ähnlich. Gott ist sanftmütig und wahrhaftig – ein sanftmütiger Mensch, der in der Wahrheit lebt, spiegelt Sein Licht wider. Heiligkeit ist kein besonderer Beruf und nicht das Los einiger weniger Auserwählter. Sie ist die Erfüllung der Bestimmung eines jeden Menschen. Mehr noch: Heilig zu sein ist kein Rat für einige wenige Eifrige, sondern ein Gebot Gottes für alle. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“, spricht der Herr (3. Mose 11,44; vgl. 1 Petr 1,16).

Vor einer Woche haben wir Pfingsten gefeiert. Heute sehen wir seine Früchte – Menschen, die durch die Gnade Gottes verwandelt wurden. Gäbe es keine Heiligen, so bliebe die Auferstehung Christi für uns ein Ereignis der fernen Vergangenheit, von dem wir nur aus Büchern wissen. Aber die Kraft der Auferstehung wird sichtbar in Menschen, deren Leben sich – wahrhaft und tiefgreifend – durch das Wirken des Heiligen Geistes verändert hat. In jedem Heiligen erblickt die Kirche das lebendige Zeugnis dafür, dass Gott nicht aufgehört hat, den Menschen zu heiligen. Derselbe Geist, der am Pfingsttag auf die Apostel herabkam, wirkt auch heute.

Und deshalb lenkt das heutige Fest uns zurück zur Frage aus dem Evangeliums: Welchen Platz nimmt Christus in meinem Leben ein? Das Leben aller Heiligen bezeugt: Ein Mensch, der Christus über alles andere stellt, geht nicht zuschanden. Nicht umsonst ruft der Apostel angesichts der „Wolke von Zeugen“ dazu auf, vor allem auf den „Anfänger und Vollender des Glaubens, Jesus“, zu schauen (Hebr 12,2). Auf Ihn war der Blick aller Heiligen gerichtet. Nach Ihm lasst auch uns streben. Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester