predigt

Predigt zum Hl. Nikolaus (Mai 2026)

Apg. 19:1-8, Joh. 14:1-11; Hebr. 13:17-21, Joh. 6:17-23

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 19
Predigt zum Hl. Nikolaus (Mai 2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Liebe Brüder und Schwestern! Die heilige Kirche feiert heute die Übertragung der Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra in Lykien in die italienische Stadt Bari. Dieses Ereignis fand im 11. Jahrhundert statt, in einer für die Christenheit schwierigen Zeit, als die Trennung zwischen Ost und West bereits Wirklichkeit und eine Wunde im Leben der Kirche geworden war.

Und dennoch ist es erstaunlich: Der heilige Nikolaus befand sich nunmehr ja nicht unter Fremden, nicht unter Heiden oder Christenverfolgern, sondern unter solchen, die ebenfalls den Herrn Jesus Christus bekannten, sich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen ließen, das Evangelium lasen und zum Heiland der Welt beteten.

Ja, die Trennung bestand bereits. Ja, die Kirche erlitt den Schmerz des Schismas. Aber der heilige Nikolaus wurde weiterhin im Osten wie im Westen geliebt und verehrt. Bis zum heutigen Tag pilgern Menschen verschiedener Völker, Sprachen und kirchlicher Traditionen zu seinen Reliquien nach Bari.

Das zwingt uns, über etwas sehr Wichtiges nachzudenken.

Manchmal fällt es Christen leichter, daran zu denken, was sie trennt, als an Den, der sie verbindet. Historische Streitigkeiten, Differenzen, gegenseitige Vorwürfe verdunkeln nicht selten das Wesentliche. Aber der heilige Nikolaus erinnert uns daran, dass Christus vor allen menschlichen Trennungen steht. Ihm diente der heilige Nikolaus. Ihm, Christus, strebten die Menschen sowohl in Konstantinopel als auch in Bari zu.

Das bedeutet freilich nicht, dass die Unterschiede bedeutungslos wären. Die Kirche betet stets um die Einheit in der Wahrheit. Die Wahrheit ist wichtig, und der heilige Nikolaus selbst war ein eifriger Verteidiger des orthodoxen Glaubens. Die Überlieferung verbindet seinen Namen mit dem Ersten Ökumenischen Konzil, auf dem die Kirche die Wahrheit über Christus als den wahren Gott verteidigte.

Aber ebenso wichtig ist es, die Liebe nicht zu verlieren. Man gewöhnt sich sehr leicht daran, Christen anderer Bekenntnisse als „nicht unsere“ zu sehen und zu vergessen, dass auch sie den Namen Christi anrufen. Der Herr aber spricht noch strenger: „Liebt eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch misshandeln und verfolgen“ (Mt 5,44). Und wenn der Christ schon seine Feinde zu lieben berufen ist, wie viel gefährlicher ist es dann, auf die, die sich zu Christus bekennen, das Evangelium lesen und Seinen Namen anrufen, als völlig fremde herabzublicken.

Der heilige Nikolaus wird von fast der gesamten Christenheit gerade deshalb verehrt, weil die Menschen in ihm jenes Bild des Bischofs und Hirten erkannten, von dem der Apostel Paulus im Brief an Timotheus schreibt: eines barmherzigen, nüchternen, der Habsucht fremden Menschen, der fähig ist, für die Menschen zu sorgen (vgl. 1 Tim 3). Im Grunde gab es an dem heiligen Nikolaus nichts „Ungewöhnliches“ – er verkörperte einfach mit erstaunlicher Fülle jenes evangelische und apostolische Bild, zu dem jeder Christ berufen ist, besonders aber jeder Hirt der Kirche. Und vielleicht ist er den Menschen gerade deshalb so kostbar, weil durch ihn besonders klar sichtbar wird, wie ein Christenmensch sein soll.

Das heutige Fest erinnert uns daran, dass die Heiligkeit über die menschlichen Grenzen und Trennungen hinausragt. Der heilige Gottgefällige, der im kleinasiatischen Myra lebte, wurde auf der ganzen Erde berühmt, und seine Reliquien fanden Ruhe im fernen Italien – so dass sich sowohl Osten als auch Westen mit Liebe an ihn wenden.

Lasst auch uns lernen, in den Menschen zuallererst die nach Christus Suchenden zu sehen, nicht nur die Träger von Unterschieden, Streitigkeiten und menschlichen Trennungen. Und bitten wir den heiligen Nikolaus, dass er auch uns lehre, die Treue zur Wahrheit ohne Verhärtung, und die Liebe ohne Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit zu bewahren.

Heiliger Vater Nikolaus, bitte Gott für uns! Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester