Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Das Evangelium nach Johannes bezeugt insgesamt sieben Wunder unseres Herrn Jesus Christus – von der Verwandlung von Wasser in Wein zu Kana in Galiläa bis zur Vermehrung der Brote und der Heilung des Blindgeborenen. Die Auferweckung des Lazarus ist das letzte dieser Wunder und eines der größten, denn Lazarus war wirklich tot – nicht ohnmächtig, nicht in Lethargie, sondern bereits begraben. Was der Herr vollbrachte, lässt sich durch nichts erklären, was einer Reanimation ähnelt, wie die moderne Medizin sie kennt.
Es ist die dritte Auferweckung, die der Erlöser vollzog. Die Tochter des Jaïrus erweckte er gleich nach ihrem Tod; den Sohn der Witwe von Nain auf dem Weg zum Begräbnis. Lazarus aber lag bereits vier Tage im Grab, und die Verwesung hatte seinen Körper berührt. Hier zeigte Christus deutlich seine göttliche Allmacht, indem er den auferweckte, der schon dem Verfall preisgegeben schien.
Und gerade dieses Ereignis – so offenkundig in seinem Inhalt – erweist sich zugleich als schwer zu verstehen. Der Herr kommt nicht sofort nach Betanien. Man berichtet ihm von der Krankheit des Lazarus, doch Er zögert. Stunden vergehen, dann Tage. Die Hoffnung der Angehörigen schwindet. Und als Christus endlich ankommt, liegt Lazarus schon vier Tage im Grab.
Und hier stellt sich die Frage, die vielleicht nicht immer laut ausgesprochen wird, aber dem Herzen wohl vertraut ist: Warum das? Warum eilt Gott nicht? Warum lässt Er zu, dass der Schmerz bis zum Äußersten geht?
Besonders erstaunlich ist, dass der Herr nicht nur zu spät kommt – Er hält auch noch vor dem Dorf an. Es ist, als ob sich alles viel zu langsam und quälend ausführlich entwickeln würde. Und dann geschieht, was einen tief berührt: „Jesus weinte.“
Dieses kurze Wort des Evangeliums offenbart sehr viel. Christus weiß nicht nur um das Leiden des Menschen – Er geht hinein in dieses Leiden. Er steht nicht abseits, erklärt nicht aus der Ferne den Sinn des Geschehenen, sondern weint mit denen, die einen Nahestehenden verloren haben.
Und dennoch – Er hätte den Tod des Lazarus verhindern können. Er hätte früher kommen können. Aber Er tat es nicht.
Das bedeutet: Es geht nicht nur um das Wunder selbst, nicht nur darum, einem einzelnen Menschen das Leben zurückzugeben. Durch dieses Zögern öffnet sich etwas Größeres: Gott handelt nicht nach menschlichem Fahrplan. Seine Zeit stimmt nicht mit unserer Erwartung überein.
Und das betrifft nicht nur Betanien. Das betrifft das ganze menschliche Leben. Wie oft muss man auf Antwort, auf Hilfe, auf Heilung warten. Wie oft scheint es, als schwinde die Hoffnung und Gott schweige.
Gott nimmt aus unserem Leben nicht die Vergänglichkeit, nicht die Möglichkeit des Leidens selbst. Aber Er geht hinein in dieses Leben. Der Sohn Gottes nimmt alles Menschliche auf Sich – Zeit, Schmerz, Tränen und Tod – und tut, was keiner der Menschen tun kann: Er verwandelt es von innen her.
Deshalb sind auch die Tränen Christi nicht Ausdruck von Ausweglosigkeit. Es ist Sein Mitleid, das zum Sieg führt.
Manchmal scheint es, dass Veränderungen im Leben eine Bedrohung sind: Trauer, Krankheit, Verlust. Aber gerade in dieser veränderlichen Welt wirkt Gott. Und Er zerstört sie nicht mit Gewalt, sondern verwandelt sie – durch Kreuz und Auferstehung.
Der Tod scheint unausweichlich, aber er ist nicht mehr endgültig. Er trennt den Menschen nicht mehr von Gott.
Und darum ist dieser Tag nicht nur eine Erinnerung an ein Wunder, sondern eine Offenbarung darüber, wie Gott handelt: nicht eilends nach menschlichem Maß, aber gewiss; Er beseitigt das Leid nicht sofort, sobald es uns heimsucht, sondern geht mit hinein; Er belässt den Menschen nicht im Grab, sondern führt ihn zum Leben heraus.
Der Herr stärke auch uns in diesem Vertrauen – dass wir im Warten, in der Trauer und in den Veränderungen nicht die Hoffnung auf den verlieren, der stärker ist als der Tod. Amen.