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Der gute Hirte

Iana Ivanchuk | Zugriffe: 104
Der gute Hirte

Es ist ein Phänomen, das mich nicht loslässt: Junge Menschen, in Deutschland geboren und aufgewachsen, ohne orthodoxe Familie, ohne Russisch oder Griechisch, ohne Berührung mit der Liturgie – und doch finden sie plötzlich zur Orthodoxen Kirche, als hätten sie immer dorthin gehört. Was hat sie berührt? Was gibt ihnen Halt? Ich habe nachgefragt und ihre Geschichten gesammelt. Sie erzählen vom Guten Hirten, der auch heute ruft – leise, beharrlich und oft dort, wo wir ihn am wenigsten erwarten. Eine Spurensuche.

Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. (Johannes 10:14-16)

Vor einiger Zeit las ich im Buch „Begegnung“ von Metropolit Antonius von Surosch eine Geschichte. Sie lautet wie folgt:

Es kam ein ungetaufter, ungläubiger Engländer in unsere Kirche, um einem Gemeindemitglied ein Paket zu überbringen. Er hatte vorgehabt, erst nach dem Gottesdienst zu kommen, weil er nichts Gutes von einem Gottesdienst erwartete und keine Zeit verlieren wollte. Aber er kam, als der Gottesdienst noch nicht vorbei war. Er setzte sich hinten in die Kirche, und das Folgende erzählte er mir später.
Als er einige Minuten da saß, spürte er plötzlich, dass in dieser Kirche etwas geschah, dass sie von einer gewissen Gegenwart erfüllt war. Er dachte nach; wie er mir sagte, überlegte er, dass dies einfach Wahn sei, dass ihm das durch die flackernden Kerzen, den Gesang des Chors und den Duft des Weihrauchs eingeflüstert wurde, und, wie er sich ausdrückte, durch die „Hysterie der Gläubigen“. Aber es war so stark, so überzeugend, dass er beschloss, nachzuprüfen, ob es Hysterie sei, ob es Wahn sei, ob es ihm eingeflüstert werde, oder ob in dieser Kirche (wie natürlich in jeder) tatsächlich etwas Besonderes sei.

Ich gestattete ihm, in dieser Kirche zu sitzen, wenn niemand da war und nichts geschah. Nachdem er drei Stunden da gesessen hatte, sagte er zu mir: „Wissen Sie, in dieser Kirche spüre ich eine gewisse Gegenwart, eine lebendige Kraft wohnt in ihr – ist das etwa das, was Sie Gott nennen?…“

Ich sagte: „Ja! Die Kirche ist ein Ort, an dem der lebendige Gott gegenwärtig ist…“

„Was habe ich von einem solchen Gott“, sagte mein Gesprächspartner, „wenn seine Gegenwart keinerlei Wirkung auf mich hat? Ich spüre diese Gegenwart, es ist mir wohl, ruhig hier zu sitzen, ich habe ein Gefühl von Tiefe und Freude – aber das ist alles! Ich werde ja wieder gehen, und sollte das alles wirklich vorbei sein?! Wenn es Gott gibt, dann brauche ich einen wirkenden Gott, einen Gott, der etwas tut und etwas an mir vollbringt!…“

Ich schlug ihm vor, gelegentlich wiederzukommen und zu sehen, was geschehen würde: Ich lud ihn nicht direkt ein, sondern gab ihm nur die Möglichkeit, vorbeizukommen. Und er kam. Und dieser Mann sagte mir, dass er sehe, wie Menschen nach dem Gebet, besonders nach der Kommunion der Heiligen Gaben, irgendwie anders würden, dass von ihnen ein gewisses Licht ausgehe; nicht etwa ein sichtbares Licht, aber sie leuchten, sie werden so lebendig, dass man mit den Worten eines englischen Schriftstellers sagen könnte: „Ach, seht – das Standbild, die Statue ist ein lebendiger Mensch geworden. Dieser Mensch mag nicht so schön sein wie manche Statue, die Stein geblieben ist – aber er lebt, er ist lebendig geworden!…“ (Das Bild stammt aus der Abhandlung von C.S. Lewis „Pardon, ich bin Christ“).

Und er fügte hinzu: „Wenn Ihr Gott das tun kann, dann will ich zu Ihm kommen; ich will, dass Er das auch an mir vollbringt, dass ich ein lebendiger Mensch werde, wie ich nie einer war…“ Und nach einem oder anderthalb Jahren wurde er getauft und ist bis heute gläubig geblieben, und freut sich über diese Begegnung mit dem lebendigen Gott.

Getauft wurde ich, als ich neun Jahre alt war. Das geschah in der Kirche des Heiligen Wundertäters Nikolaus in der Stadt Almaty (ehemals Alma-Ata). Von diesem Tag an bis zu dem Tag, an dem ich wieder eine Kirche betrat, vergingen lange neunzehn Jahre. Ich erinnere mich an den Moment, als ich im Park vor dem Eingang der hölzernen Kirche in Kaliningrad saß und mich nicht von der Stelle erheben konnte. Die Tränen strömten nur so, und ich hatte das Gefühl, dass mich jemand an die Bank gefesselt hatte. Ich weiß nicht mehr, ob ich an jenem Tag die Kirche betreten habe oder nicht, aber ich fand mich etwas später in ihr wieder. Damals geschah auch meine erste Beichte.

Als ich in Russland lebte, interessierte mich die Kirche nur so halbherzig. Ich war, wie wohl viele, eine „Gelegenheitsbesucherin“: Weihwasser holen, wobei ich mich mit den Ellbogen durch die Menge schob, Osterkuchen und Eier weihen lassen, und für ein paar Feiertage in die Kirche gehen, um Kerzen aufzustellen. Ich begriff nicht, wie groß die Bedeutung der Kirche im Leben eines Menschen ist. Am Sonntagmorgen fand sich immer eine Beschäftigung, die mir wichtiger erschien als die drei Stunden, die ich sonst in der Kirche verbringen würde. Gegen Abend eines solchen Tages wurde mir dann klar, dass all die Dinge, die ich am Sonntag erledigt hatte, vollkommen sinnlos waren. Alles verpuffte.

Nun lebe ich seit zehn Jahren in Deutschland. In meiner Erinnerung waren die ersten Jahre in diesem Land von ständigem Stress und Anspannung geprägt, bedingt durch die vielen verschiedenen Begriffe, Anträge, Sprachkurse und Prüfungen. Ich musste verstehen und klären, wer ich bin, warum ich hier bin und was mein Ziel ist. Das ist wohl das, was wir die Suche nach uns selbst nennen. Ohne es zu merken, begann ich, mich dem Rhythmus und der Struktur der mich umgebenden Wirklichkeit anzupassen, in der Gott für mich immer mehr an die letzte Stelle gerückt wurde. Oder er geriet sogar völlig aus meinem Blickfeld. Damals hatte ich weder den Wunsch noch das Bedürfnis, in eine Kirche zu gehen.

Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit ist jedem Menschen von Natur aus eigen, und wenn man es nicht kontrolliert, kann es in zerstörerischen Hochmut und Überheblichkeit umschlagen. Der Mensch denkt, dass er alles mit eigenen Händen erreichen kann. Oft verliert er in dem Streben, unbedingt etwas erreichen zu wollen, die Richtung und findet sich in einer undurchdringlichen Einöde wieder. Aus solchen Orten ist es ohne einen erfahrenen Führer äußerst schwer, wieder herauszufinden.

Der Mensch ist ein geistiges Wesen und durch einen unsichtbaren Faden mit dem Schöpfer verbunden. Die Gemeinschaft mit Gott durch Gebet, Lesen der Heiligen Schrift und Teilnahme an den kirchlichen Sakramenten ermöglicht Gott, durch diesen Faden Tröpfchen von Licht und Gnade fließen zu lassen, und den Menschen zu stützen, zu stärken und zu leiten. Die Kirche und ihre Sakramente werden zu unserem inneren Kompass. Wer ihn entbehrt, versucht auf verschiedene Weise, die innere Leere zu füllen. Sie gleicht jenem schwarzen Loch, das durch das Weltall reist und gierig alles verschlingt, was ihm in den Weg kommt.

Wenn der Mensch in dieser Dunkelheit völlig die Orientierung verliert, sendet ihm Gott auf unerfindliche Weise ein Signal. Für jeden ist es ein anderes. Mein Signal löste vor sechs Jahren den Umzug nach Sachsen aus. Dass es in Dresden eine orthodoxe Kirche gibt, erfuhr ich nicht sofort. Ich fuhr mit jemandem im Auto daran vorbei. An meinen ersten Besuch in unserer Kirche kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern. Das Erste, was mir damals auffiel, war, wie die Gemeindemitglieder einander begrüßten – mit dem dreifachen Kuss. Und auch, dass sie alle zusammen wie eine große, freundliche Familie wirkten. In den großen Kirchen in Russland war mir das nie begegnet.

Unsere Kirche regelmäßig zu besuchen, begann ich vor etwa zwei Jahren, als ich näher an Dresden zog. Ich komme gern frühmorgens in die Kirche, wenn noch niemand da ist, und beobachte, wie sie sich allmählich mit Menschen füllt. Mich erstaunt, wie manche Gemeindemitglieder sich verändern, sobald sie die Schwelle der Kirche überschreiten. Im Alltag verhalten sie sich anders. Aber hier, nachdem sie eine Kerze vor die Ikone der Allerheiligsten Gottesgebärerin gestellt und ehrfurchtsvoll bekreuzigt haben, steigen sie auf Zehenspitzen, den Rücken leicht gebeugt, von der Kanzel herab. Einer der rührendsten Momente für mich ist, wenn sich die Gemeindemitglieder nach der Liturgie in kleinen Gruppen zusammensetzen und miteinander reden. Wenn ich meinen Freunden in Russland erzähle, dass bei uns über 75 % der Anwesenden in der Liturgie zum Kelch treten, sind sie immer sehr erstaunt.

Die heutige, wie sie meint, fortschrittliche Gesellschaft meint, dass der Glaube an Gott etwas Überholtes ist, etwas, worüber man spotten kann. Die Folgen dieser Fortschrittlichkeit sind mit bloßem Auge zu sehen. Kirchen werden zu Orten für Unterhaltungsveranstaltungen. In ihnen werden Restaurants und Hotels eingerichtet. Oder sie stehen ganz einfach verschlossen und leer. Ein Mensch glaubt eher an die Kraft eines Magneten als daran, dass die ganze Welt von Gott erschaffen wurde.

Die Aufmerksamkeit vieler Erwachsener ist heute absichtlich auf die politische Lage, Katastrophen, Instabilität und viele andere Dinge gerichtet. Inmitten all dessen, so scheint es mir, bleibt für ihre eigenen Kinder kaum noch Platz. In den Großstädten (und nicht nur dort) sehe ich, wie junge Menschen ihre Zeit sinnlos vertun. Es tut mir unsäglich leid, zu sehen, wie sie ihre Jugend vergeuden. Sie rauchen, trinken Energydrinks. Von Natur aus haben sie in ihrem Alter alles, was nötig ist, um große Ziele zu erreichen. Sie sind aktiv und aufgeweckt, lernen Neues leicht, und arbeiten sicher mit Computern und Technik. Sie könnten alles erreichen, wenn sie einen verlässlichen Orientierungspunkt hätten.

In unserer Kirche sah ich andere Jungen und Mädchen. Sie beeindruckten mich dadurch, dass, während andere ihre Fotos in sozialen Netzwerken posten und in einer künstlichen Welt leben, unsere Jugendlichen mit Büchern in den Händen dastehen und aufmerksam der Liturgie folgen. Eine so gründliche Vertiefung in die Theorie (ich nenne es mal so) habe ich in keiner Kirche und in keinem Land, in dem ich bisher das Glück hatte zu sein, angetroffen.

Immer häufiger fragte ich mich, wie jeder von ihnen zum Glauben gekommen war und warum ihre Wahl auf die Orthodoxie gefallen war. Um das herauszufinden, sprach ich mit dem Segen von Vater Roman mit einigen Jugendlichen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Mit Nikolaus und Paisios sprach ich persönlich. Katarina, Jasmin, Antonije und Lukas schickten mir ihre Antworten per E-Mail.

Lange dachte ich darüber nach, in welcher Form ich die Antworten der Jugendlichen präsentieren sollte. Ich wollte fünf Punkte daraus machen, in denen ich ihre Gedanken thesenartig zusammenfasse. Aber dann entschied ich mich, ihre Antworten in der Form und Reihenfolge zu veröffentlichen, in der ich sie erhalten habe. Ich habe kein Recht, Ihnen diese unverfälschte Aufrichtigkeit vorzuenthalten.

Nikolaus (21)

Nikolaus (21)

Nikolaus ist gelernter Zimmermann, Zimmermannsgeselle und ist derzeit auch als Zimmermann tätig. Seit Oktober 2025 gehört er zu unserer Kirchgemeinde. Im April 2026 wurde Nikolaus durch die Myronsalbung in die Orthodoxe Kirche aufgenommen.

Wie lange bist du in unserer Kirche und wie bist du in diese Kirche gekommen?

In die Kirche bin ich gekommen, weil ich gemerkt habe, dass die evangelische Kirche, in der ich getauft wurde, viele Sachen verharmlost und viele Sachen nicht mehr sehr ernst nimmt, die mir aber fehlen, die mir wichtig sind, dass sie angesprochen werden. Das findet man nur in der orthodoxen Kirche. Ich war einmal in der rumänischen orthodoxen Kirche hier in Dresden. Die war sehr schön, aber hier in der russischen orthodoxen Kirche habe ich mich durch die Gemeinschaft einfach etwas wohler gefühlt. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und da war ich dann so: “Das wird jetzt!”.

Wie bist du zum Glauben gekommen und warum bist du die orthodoxe Kirche gewählt?

Ich bin mit sechs Jahren getauft worden und habe dann meiner Mama zuliebe Konfirmation gemacht. Mein Bruder hatte damals schon gesagt, dass er das nicht möchte. Ich habe aber trotzdem Konfirmation gemacht, bin dadurch immer mehr im Glauben gewachsen, und habe dann mehrere Jahre als Ehrenamt in der evangelischen Kirche gearbeitet. Später habe ich aber gemerkt: Das reicht nicht aus. Die machen Sachen, die nicht in der Bibel drinstehen, und und und.

Da habe ich gedacht, dass ich das ändern muss. Da möchte ich nicht dabei sein. Dann gab es nur so ein paar Lebensschläge oder Lebenswechsel, die mich dann nur noch mehr zum Glauben geführt haben, als meine Ex-Freundin damals mit mir Schluss gemacht hat. Das war echt ein ziemlicher Schlag. Dann war ich pilgern (Jakobsweg, 900 Kilometer) und bin auch sehr im Glauben gewachsen. Ich habe mir die katholischen Kirchen angeschaut und gemerkt, auch da ist es noch nicht ganz rein. Aber in der Orthodoxie habe ich mich sehr wohl gefunden.

Was glaubst du: Warum lassen sich heute so viele Menschen von Irrtümern verleiten und fühlen sich zu „Religionen“ hingezogen, die absolut nichts mit Gott zu tun haben?

Ich denke, viele junge Menschen, hauptsächlich die, werden gar nicht mehr richtig aufgeklärt zum richtigen Glauben. Und dann ist es auch so, dass viele Sünden leider verharmlost werden. Dadurch denken viele, dass es nicht so schlimm ist, wenn sie überhaupt daran glauben. Und weil wir eine solche Freiheit haben, um zu machen, was wir wollen, und viele nicht daran glauben, stecken sie sich untereinander an und sagen: „Ohh ne, das passt schon, kannst du machen.” Ich glaube, das ist ein Fehler. Aber ich sehe, wie immer mehr Leute zur Orthodoxie finden. Wir werden jetzt immer mehr und immer mehr und immer mehr. Das ist wunderbar. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, da sind noch ca. 25 bis 30 Personen. Aber es sind bisher noch nicht alle mit dabei. Sie bringen Freunde, die noch Katechumenen sind, bringen wieder Freunde mit, um ihnen zu zeigen, wie schön es hier ist. Ich denke, dadurch, dass viele gewissermaßen Nicht-Christen die anderen Menschen anstecken, die nichts vom Glauben wissen, wissen die einfach nicht, was sie glauben möchten. Die denken etwas und die stecken das dann an mit “Ah ne, ne, das gibt es alles nicht und das gibt es alles nicht” weg. Das ist der einfache Weg hier. Es macht ihnen viel mehr Spaß, für die Welt zu leben. Ich glaube, die Menschen, die das dann einmal ausprobiert haben, sehen gar nicht, wie schön die Orthodoxie ist und was sie alles zu bieten hat. Dadurch sind sie dann einfach in der Welt gefangen, ohne jemals richtig gezeigt zu bekommen, wie schön es eigentlich sonst ist. 

Gibt es in deinem Alltag Schwierigkeiten, seitdem du zum Glauben gefunden hast?

Auf der Baustelle merke ich, da muss ich mich wirklich zusammenreißen, dass ich nicht so viel fluche und meine Kollegen immer blöde Sprüche oder Ähnliches sagen. Da muss ich wirklich meine Zunge hüten. Früher habe ich auch viel Alkohol getrunken. Das liegt für mich an diesem Jugendgeist im Herzen, und ich merke, viele Jugendliche machen das jetzt immer noch, und ich bin aber, seitdem ich hier in den Glauben gekommen bin, einfach deutlich weiter davon abgerückt, und das tut mir körperlich und seelisch einfach viel besser.

**_Was bedeutet für dich unsere kirchliche Gemeinde?*** 

Ich fühle mich hier sehr zu Hause, ich komme hier an und ich habe vielleicht etwas Komisches gemacht und das belastet mich, aber sobald ich hier bin, ist all das verschwunden. Ich trete ein und beruhige mich sofort. Ich freue mich über jedes Gesicht, das ich hier sehe, Menschen, die zum ersten Mal kommen, dann zum zweiten Mal kommen. Ich freue mich über jeden, der kommt. Es gibt dann mal ein kurzes Unbehagen, wenn man bei der Beichte steht, das ist immer so ein wenig zerknirscht, aber nach der Beichte ist wieder alles richtig toll. Hier in der Kirche fühle ich mich auch sehr sicher, wie zu Hause. Wie eine Familie, in der sich alle kennen und lieben, und niemand wird hier für etwas verachtet. Hier werden eher meine Freunde, Brüder und Schwestern, die sind sehr darauf bedacht, dass ich mich bessere. Das finde ich supergut.

**_Was ist das Wichtigste im Leben?*** 

Am wichtigsten finde ich den Herrn Jesus Christus. Man muss immer darauf achten, dass man Ihn nie verliert, und egal was ich mache, ich versuche dann immer zu denken: „Okay, wie denkt der Herr jetzt darüber?“ Meistens ist es dann so, dass wenn ich einen innerlichen Konflikt habe, dann streitet mein innerlicher Christ mit meinen Gedanken. Meistens ist es dann, Gott sei Dank, der Christ, der gewinnt. Deswegen ist für mich die Kirche hier sehr wichtig und natürlich der Herr Jesus Christus. Die Gemeinschaft, die hier entsteht, ist superwichtig. Und das, was man hier alles lernen kann, das ist für mich super faszinierend, über die Heiligen, über das Leben hinzulernen, dann über die Theologie allgemein und also für mich ist Gott das Wichtigste.

Wer ist Gott für dich?

Für mich ist Gott – Jesus Christus oder Vater-Sohn-Heiliger Geist. Ich habe mal einen Vergleich gehört. Die Liebe einer Mutter ist das, was Gottes Liebe am nächsten kommt. Ich habe keine Kinder und deswegen kann ich schlecht sagen, wie man sich als Elternteil fühlt, aber ich weiß, dass ich beim Herrn wirklich super geborgen bin. Egal was ich mache, wendet Er sich nicht von mir ab und ich darf in seiner Liebe und seiner Gnade leben. Dafür bin ich einfach nur sehr dankbar. Er ist mein Vater, aber auf eine Art und Weise, die niemand so richtig beschreiben kann. Er ist der Grund, warum ich überhaupt lebe. Ich kann Ihm dafür nur danken. Ich habe immer das Gefühl, dass ich, egal was ich mache, nur tue, weil Er es erlaubt hat. Ich habe immer das Gefühl, egal was ich Gutes tue, wenn ich jetzt einer alten Dame auf die Straße helfe oder noch den Koffer hochtrage, dass ich das zwar alles für den Herrn so ein wenig mitführe, aber ich habe nie das Gefühl, dass es gut genug ist. Und ich denke, das ist kein schlechter Gedankengang: dann versuchen, in Demut weiterzuleben.

Paisios (18)

Paisios (18)

Seit Mitte August begeht er sein dreizehntes Schuljahr und bereitet sich auf das Abitur vor. Er ist in Meißen aufgewachsen und lebt dort. Seit Mai 2025 gehört er unserer Gemeinde an und empfing im Mai 2026 die Taufe. Sein weltlicher Name lautet Benno. Seine Eltern wählten diesen Namen aufgrund der Verbindung zu dem lateinischen Bischof Benno von Meißen.

Wie bist du zum Glauben gekommen und warum hast du dich für die Orthodoxie entschieden?

Vorab sollte ich erwähnen, dass ich aufgrund der Familienurlaube in all den vergangenen Sommern meines Lebens (wenn auch unabsichtlich, unterschwellig und unter einem rein touristischen Blickwinkel) öfter in Kontakt mit den griechischen Klöstern und Kirchen getreten bin. Höchstwahrscheinlich war das die unterbewusste Vorbereitung auf mein jetziges Leben.

Seit Beginn meiner Jugend war ich sehr politisch interessiert, habe das Weltgeschehen verfolgt und mich und mein Leben ideologisch definiert. Nach einigen Jahren dieser Lebensart erkannte ich allerdings, dass das nicht alles im Leben sein könne. So begann meine Suche nach etwas „Tieferem“. Meines Erachtens wird dieses „Tiefere“ in der heutigen Zeit als „Spiritualität“ bezeichnet.

Obwohl ich an der Kirche interessiert war, hatte ich den Gedanken schnell verworfen. Grund dafür dürften meine Vorurteile, die ich aus meinem ideologisch-geprägten Hintergrund mitgezogen habe, sein. Vor allem kannte ich jedoch nur die Kirchen aus unserem modernen westlichen Kulturkreis. Seien es die kahlen und spirituell armen Hallen der Protestanten oder aber die überinstitutionalisierte und -legalisierte Kirche der Lateiner mit all ihren Skandalen und Geschichten …

So hatte ich mein Auge zunächst von der Kirche, oder zumindest dem, was ich als Kirche verstand, abgewendet. Eine Zeitlang hegte ich Interesse am Judentum, welches mir spirituell als sehr interessant erschien. Allerdings musste ich nicht tief „graben“, um erste „Ungereimtheiten“, seien sie theologisch oder ethisch, zu finden. Außerdem suchte ich in dem, was ich von der jüdischen „Tradition“ sah, vergeblich nach einer tieferen Hingabe und Verbundenheit zu Gott. Durch Gottes Gnade bin ich dann nach einigen Monaten spätabends im Internet auf etwas gestoßen, was mein Herz tiefer berührte. Ich suchte in diesem Moment eigentlich nach Ideen für die Fotografie, da ich in meiner Freizeit gerne fotografiere. Ich stieß allerdings auf die Fotografien zweier Fotografen: des griechischen Künstlers Stratos Kalafatis und dem britischen Reporter Rick Findler. Beide besuchten den Heiligen Berge Athos und teilten in ihren Portfolios ihre Eindrücke. Allein der Anblick des dort zu sehenden Heiligtums der Mönchsrepublik und der in ihr lebenden Asketen ließ mich spüren, etwas Bedeutenderes gefunden zu haben. So begann meine Recherche über die mir bisher unbekannte, wahre Seite und Urform des Christentums.

Nach der von mir angenommenen Überzeugung, nicht nur etwas ästhetisch, sondern auch etwas historisch Tiefgreifenderes gefunden zu haben, bewegte ich mich das erste Mal in die Kirche, und zwar in einen samstäglichen Abendgottesdienst unserer Kirche des Heiligen Simeon.

Neben der Kirche hatten mich auch die Menschen überzeugt. Ich hatte vorweg angenommen, dass ich entweder ignoriert oder zumindest in einer anwerbenden Freundlichkeit angenommen würde. Die überaus liebevolle Herzlichkeit der Gemeindemitglieder hatte ich allerdings nicht erwartet. Dass eine Gemeinschaft mir in einem solchen Maße Wohltun entgegenstreckt, das war ich nicht gewöhnt. So bin ich bis zum Empfang des Sakraments der Taufe immer wieder zu den Gottesdiensten nach Dresden gekommen.

Im Verlauf der letzten Monate hatte ich, Gott sei Dank, auch die Ehre, die rumänische und georgische Gemeinde in Dresden kennenzulernen. Auch die Kapelle im tschechischen Rumburk mitsamt Vater Antonij sowie meine Pilgerreise zum Heiligen Berge mitsamt ihrer Großklöster, Skiten und Einsiedeleien haben mich wieder und wieder überzeugt, im Glauben mein Zuhause gefunden zu haben.

Was glaubst du, warum lassen sich heute so viele Menschen von Irrtümern verleiten und fühlen sich zu „Religionen“ hingezogen, die absolut nichts mit Gott zu tun haben?

Der Westen kennt die wahre Kirche nicht. Der kennt nur diese, die es heutzutage gibt, und wenn man betrachtet, was man dort sieht, ist das eben primär keine Kirche, sondern eine Veranstaltung. Ja, ich sehe daran nichts Heiliges, kein Mysterium mehr und ich denke auch, viele können der Kirche so nicht einmal eine Chance geben, weil sie die Kirche in ihrer Urform nicht kennen.

Ich denke, dass man unter anderem über das Internet den Menschen den orthodoxen Glauben nahebringen kann – sei es diese Ästhetik, die doch so schön wirkt. Wenn das die Leute herbringt, dann ist das ja super, weil sie dann überhaupt erst einmal mit der wahren Kirche in Kontakt kommen. Ich denke, es ist wichtig, dass z.B. solche Fotografen auf eigenwillige (und eventuell sogar unbeabsichtigte) Weise der Popularisierung der wahren, rechtehrenden Kirche dienen können.

Viele wissen nicht, was die Kirche sein kann und was sie bietet. Die Menschen hier kennen nur die westlichen „Kirchen“.

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste im Leben eines Menschen?

Ich bin davon überzeugt, dass es mir darum geht, erst einmal einen Halt zu finden. Ich bin 18 Jahre alt und mein Leben steht hoffentlich ganz am Anfang. Für mich ist es essenziell zu erkennen, dass ich von den meisten Dingen noch keine Ahnung habe und mir das auch auf keinen Fall einbilden sollte. So ist es für mich zunächst am wichtigsten, einen roten Faden zu greifen oder etwas, woran ich mich festklammern könnte; mit welchem ich durchs Leben, ich sage mal, nicht geführt wird, aber zumindest inspiriert werde; eine Maßgabe, auf welcher man sich bewegen kann und welche einem einen Weg vorschlägt.

Wer ist Gott für dich?

Als ich Paisios diese Frage stellte, seufzte er leise, blickte zur Christusikone der Ikonostasis hinauf und lächelte anrührend.

Katarina (19) 

Katarina (18)

Katarina macht eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. In der russisch-orthodoxen Kirche ist sie seit September 2024, getauft wurde sie jedoch Ende August 2025.

Wie bist du zum Glauben gekommen und warum hast du dich für die Orthodoxie entschieden?

Ich habe schon immer nach Gott gesucht, auch im Islam davor, aber nachdem ich den Koran als auch die Bibel gelesen habe, verstand ich, dass Jesus Christus Gott ist, und Er offenbarte sich mir in dieser Zeit des Zweifels als der wahrhaftige Gott. Ich habe mich seitdem mit den Konfessionen evangelisch und katholisch sowie orthodox auseinandergesetzt und die Kirchengeschichte verstanden. So wurde die Orthodoxe Kirche mein Zuhause. Die Orthodoxe Kirche ist der Ort, an dem ich den Heiligen Geist wahrnehme. Man spürt wahrlich, dass Gott anwesend ist.

Welche Bedeutung hat unsere Kirchengemeinde in Dresden für dich?

Unsere Kirchengemeinde bedeutet für mich Familie und geistiges Zuhause, Gemeinschaft und Unterstützung in allen Lebenslagen.

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste im Leben eines Menschen?

Das Wichtigste im Leben ist es, Gott Vertrauen zu schenken, auch wenn man zweifelt. Ihm zu dienen und sich auf das ewige Leben vorzubereiten, indem man der Seele Gutes tut, indem man die Liturgien besucht, aufrichtig betet und wahrlich liebt, so wie Gott uns liebt. 

Wer ist Gott für dich?

Gott ist für mich mein Schöpfer, Jemand, der mich kannte, bevor ich überhaupt existierte. Jemand, Der mich sieht und weiß, was wirklich in mir vorgeht, und mich liebt. Mein Vater im Himmel. 

Jasmin (17) 

Jasmin (17)

Jasmin ist momentan in ihrem 2. Lehrjahr als Bäckerin. Seit ca. 1½ Jahren ist sie in unserer Kirche.

Wie bist du zum Glauben gekommen und warum hast du dich für die Orthodoxie entschieden?

Zum Glauben bin ich gekommen, weil mich die Frage „Was passiert nach dem Tod?“ sehr beschäftigt hat. Natürlich gab es auch mentale Probleme, die das Ganze noch etwas getrieben haben. Dadurch habe ich dann Gott entdeckt. Er hat mich dort herausgeholt.

Zur Orthodoxie bin ich gelangt durch das Informieren über die Kirchengeschichten. Dadurch fand ich dann die Ursprüngliche: die Orthodoxe Kirche. Daraufhin dachte ich: „Warum sollte ich in eine andere Konfession eintreten, wenn die wirkliche, unveränderte Kirche vor meinen Augen ist?“ 

Welche Bedeutung hat unsere Kirchengemeinde in Dresden für dich?

Die kirchliche Gemeinde in Dresden bedeutet mir sehr viel. Jedes Mal gibt sie mir Hoffnung, daran festzuhalten, egal wie schlimm es zu sein scheint. Hier fühlt es sich wie zu Hause an, friedlich, liebevoll und ganz ohne Stress. Jeden Sonntag gibt mir das neue Kraft.

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste im Leben eines Menschen?

Das Wichtigste im Leben ist die Liebe zueinander. Jeder Mensch hat Liebe verdient, egal aus welchem Land, oder welcher Religion. Niemand hat es verdient, nicht geliebt zu werden.

Was denkst du, warum lassen sich heute so viele Menschen von Irrtümern verleiten und fühlen sich zu „Religionen“ hingezogen, die absolut nichts mit Gott zu tun haben?

Ich denke, genug Menschen heute benötigen Hilfe, eine Stütze, etwas, worauf sie sich aufbauen können, wenn es schwierig wird. Das merkt man hauptsächlich in dieser Zeit, jedoch lassen sich leider viele Menschen lieber von etwas beeinflussen, wo sie das machen können, was ihnen gerade so passt. Jedoch wissen wir ja alle, dass das nicht immer zu etwas Gutem führt. Am Ende sind sie in den Irrglauben so vernarrt, dass sie nicht mehr rauswollen. Da merke ich jedoch, dass man dadurch realisiert, wie wichtig es ist, sich für etwas zu entscheiden, was auch Opfer verlangt. Dadurch lernt man sich selbst auch besser kennen.

Wer ist Gott für dich?

Für mich ist Gott Alles, Er hilft mir hoch, Er stärkt mich und bei Ihm ist es so viel sicherer als an einem anderen Ort. Seitdem ich diesen Weg eingeschlagen habe, gab es zwar mehr Komplikationen, aber ich wusste, dank Ihm, wie ich damit umgehen sollte. Ohne Gott hätte ich es niemals geschafft und dafür bin ich sehr dankbar.

Antonije (21)

Antonije (21)

Antonije macht seine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Commerzbank. In unserer Kirche ist er seit September 2025. Er ist nicht wie viele in dieser Gemeinde russisch-, sondern serbisch-orthodox.

Wie bist du zum Glauben gekommen und warum hast du dich für die Orthodoxie entschieden?

Wie ich zum Glauben gekommen bin, ist eine lange Geschichte. Ich bin atheistisch aufgewachsen und keiner in meiner Familie ist christlich. Nach jahrelangem Verschwenden meiner Lebenszeit mit Videospielen und Fernsehen habe ich mit ca. 18 Jahren eine starke Leere verspürt. Durch Gottes Gnade und einen für mich unsichtbaren Drang, in die Kirche zu gehen. So ging ich das erste Mal in eine evangelische Kirche in meinem Heimatdorf.

Jedoch bemerkte ich nach nicht allzu langer Zeit und nach ein wenig Recherche, dass die evangelische Kirche eine verweichlichte Art des Gottesdienstes und des Glaubens praktiziert. So habe ich durch Gottes Gnade einen Freund aus Wien und durch Recherche zur Orthodoxie gefunden. Nach ca. 2 Jahren Katechese ohne Kontakt zur Kirche habe ich durch eine Bekannte meine Tauffamilie in Serbien kennengelernt. Daraufhin habe ich mich am 23.09.2025 in Serbien in der Nähe von Belgrad taufen lassen. Danach habe ich begonnen, in die russisch-orthodoxe Kirche in Dresden zu gehen. Seitdem gehe ich jede Woche und bin Gott sehr dankbar, da sich mein Leben dadurch zum besseren gewandelt hat.

Welche Bedeutung hat unsere Kirchengemeinde in Dresden für dich?

Gemeinde bedeutet für mich, Gott mit meinen Brüdern, Schwestern und meiner Geliebten zusammen zu ehren.

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste im Leben eines Menschen?

Das Wichtigste in meinem Leben ist eindeutig Gott. Leider handele ich Sünder oft nicht dementsprechend…

Was denkst du, warum lassen sich heute so viele Menschen von Irrtümern verleiten und fühlen sich zu „Religionen“ hingezogen, die absolut nichts mit Gott zu tun haben?

Ich glaube, jeder sucht sich in etwas einen Gott. Ob es in Geld, Lust, Arbeit oder etwas anderem ist. Leider ist die Verwirrung des Satans durch verschiedene Religionen heutzutage sehr groß.

Jedoch bete ich und glaube, dass Christus in jedem wirken kann, wenn man sein Herz nicht versteinern lässt.

Wer ist Gott für dich?

Gott ist Christus. Er hat sich uns offenbart und rettete uns vorm Tod. Gott ist für mich die Liebe.


Alles, was Sie bisher gelesen haben, sind die Gedanken junger Leute, die erst in jüngster Vergangenheit zur Kirche gefunden haben. Es gibt jedoch in unserer Kirche noch einen jungen Mann, dessen Geschichte ich sehr gerne in diesen Artikel aufgenommen hätte. Er heißt Lukas. Er ist seit 14 Jahren verheiratet, und er und seine Frau haben vier wunderbare Kinder. Auch er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Lukas (39) 

Lukas (39) und seine Kinder
Lukas und seine Kinder. Foto: privat

Lukas ist Diplom-Ingenieur für Mechatronik und arbeitet seit 6 Jahren als Lehrkraft an einem Beruflichen Schulzentrum in Dresden. Aktuell übernimmt er dort die Fachleitung für die duale Berufsausbildung zum Mechatroniker.

Wie bist du zum Glauben gekommen und warum hast du die Orthodoxe Kirche gewählt?

Die Grundlage für den christlichen Glauben wurde mir von meinen Eltern gelegt. Mein Vater war evangelischer Diakon und meine Mutter kommt aus einer römisch-katholischen Familie. Das Familienleben und der familiäre Alltag in meiner Kindheit waren durch den Dienst meines Vaters in der evangelischen Kirche stets von christlicher Praxis, wie Tischgebeten, Gottesdienstbesuchen, Teilnahme an der Christenlehre und im Kirchenchor sowie charitativen Tätigkeiten geprägt.

In meiner Studienzeit begann ich, mich kritischer mit den theologischen Fragen der mir beiden bekannten christlichen Konfessionen auseinanderzusetzen. Viele dieser Fragen blieben lange Zeit offen. Eher durch Zufall bin ich später auch auf den christlich-orthodoxen Glauben gestoßen. Der orthodoxe Glaube konnte mir viele Unsicherheiten und Fragen beantworten, insbesondere die theologisch-dogmatischen. Schnell habe ich verstanden, dass aus theologischen, dogmatischen und kanonischen Gründen für mich nur noch der christlich-orthodoxe Glaube praktiziert werden kann. Dies war für mich von Anfang an eine unumstößliche Gewissheit und ist bis heute unverändert.

Welche Schwierigkeiten hattest du am Anfang, nachdem du getauft wurdest?

Schwierigkeiten sind bei mir weniger bei theologischen Aspekten aufgetreten. Wie bereits erwähnt, bin ich von Kindheit an christliche Theologie und Kirchenpraxis gewöhnt und konnte die sogenannten „Irrlehren“ der westlichen Konfessionen schnell verwerfen. Die größte Herausforderung für mich als Konvertit war das Kennenlernen des östlichen Ritus, insbesondere im Kontext der altkirchlichen Sprachen – in unserer Gemeinde das Kirchenslawische.

**_Wie lange bist du in unserer Kirche und wie bist du in die Kirche gekommen?*** 

Unsere Gemeinde habe ich erstmals im Herbst 2013 besucht. Dies war eher zufällig. Denn anders, als man denken könnte, war nicht meine russische Frau die treibende Kraft für den Besuch dieser Liturgie. Es war die Initiative eines evangelischen Studienfreundes. Ich kann mich noch ausgezeichnet an diese Liturgie erinnern und war beeindruckt, wie erhaben und ehrwürdig Vater Georgij zelebriert und der Chor gesungen hat. Dies war für mich sofort Anlass, mir einen Überblick über die orthodoxe Glaubenslehre zu verschaffen, insbesondere vergleichend zum westlichen Christentum und Kirchenverständnis. Bereits nach wenigen Wochen stand mein Entschluss fest, orthodox werden zu wollen. Meine Frau dachte zunächst, dass ich scherze. Im März 2014 wurde ich durch Vater Georgij nach der Ordnung der Russisch-Orthodoxen Kirche aufgenommen.

Wie lange bist du verheiratet?

Ich bin seit 2012 mit meiner Frau verheiratet. Die kirchliche Trauung folgte im Mai 2014, kurz nach meiner Aufnahme in die Orthodoxe Kirche.

Wer ist deine Frau? Wie habt ihr kennengelernt und wie hast du verstanden, dass sie deine Frau wird?

Meine Frau habe ich im Jahr 2010 bei einem touristischen Aufenthalt in Moskau kennengelernt. Zu dieser Zeit war sie noch im Studium der Innenarchitektur in Samara und hat mit ihren Kommilitonen die Architektur-Biennale in Moskau besucht. Wir waren im selben Hostel untergebracht. Es folgten danach gegenseitige Besuche in Samara und Dresden. Nach Absolvierung ihres Studiums ist meine Frau im Oktober 2011 für einen Europäischen Freiwilligendienst im Kunst- und Kulturbereich nach Dresden gezogen. Während ihres Aufenthalts in Dresden haben wir dann beschlossen, zu heiraten.

Zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens habe ich im Alter von 24 Jahren noch gar nicht so sehr ans Heiraten gedacht. Im Nachhinein kann ich aber sagen, dass Gott alles recht zügig gefügt und uns in Liebe in eine Ehe geführt hat.

Was denkst du, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zwischen der russischen und der deutschen Kultur?

Ich denke, dass die Unterschiede eher marginal sind und in ihrer Dimension nicht von denen zwischen anderen europäischen Ländern abweichen. Sicherlich gibt es auch verschiedene Gewohnheiten und Mentalitäten, die sich kulturell äußern können. Zudem ist zu berücksichtigen, dass das heutige Russland ein Vielvölkerstaat und in sich selbst kulturell heterogen ist. Für viel bedeutender halte ich jedoch die Gemeinsamkeiten. Die wesentlichste Grundlage unserer beiden Kulturen ist der christliche Glaube, der teilweise seit weit mehr als einem Jahrtausend fest in diesen verankert ist. Nicht grundlos hat auch die Russisch-Orthodoxe Kirche diese historischen Fakten gewürdigt und die vielen Heiligen auf dem Boden der deutschen Landen in den kirchlichen Kanon aufgenommen. Und es ist mir wichtig, an dieser Stelle zu sagen, dass diese tiefen christlichen Wurzeln keineswegs mit dem Großen Schisma hierzulande abgebrochen sind. Auch danach war unsere Kultur von einer tiefen christlichen Religiosität getragen. Die Menschen haben hier in den letzten Jahrhunderten ihren christlichen Glauben treu, fromm und aufrichtig gelebt. Dieses große Bedürfnis nach Kirche und Christentum ist bei vielen Deutschen nach wie vor sehr stark ausgeprägt. Genau das erklärt auch, warum wir in den vergangenen Jahren, die von vielen weltlichen Unsicherheiten geprägt sind, diesen starken Zuwachs von Deutschen in den orthodoxen Gemeinden in Deutschland erleben. Mit offenem Herzen wird der Ritus der Orthodoxen Kirchen von diesen Deutschen angenommen und praktiziert. Die Liturgik ist klar vorgegeben und fester Anker. Was die Sprache angeht, müssen jedoch in der Zukunft weiterhin die Entwicklungen der Gemeindezusammensetzungen berücksichtigt werden. Als etwa die Heiligen Kyrill und Method das östliche Christentum zu den Slawen gebracht haben, mussten sie damit auch auf die sprachlichen Gegebenheiten dieser Ethnien eingehen. Die Besonderheit der deutschen Sprache ist es, dass diese bereits zutiefst christlich geprägt und geformt ist. Ich betrachte dies als einen bedeutenden Schatz, der den neu aufgenommenen Deutschen eine große Hilfe ist.

Die Besonderheit unserer beiden Kulturen ist aber auch der ständige Austausch gewesen. Die russische Kunst und Musik haben sich über viele Jahrhunderte von der europäischen inspirieren lassen. Dies ist auch im Kirchengesang der meisten russischen Gemeinden wahrnehmbar. Und jetzt fließen viele Kunstformen gerade auch über die Orthodoxie in den (west-)europäischen Raum, sei es im Bereich der Ikonographie oder der Kirchenmusik. Aber auch vielen deutschen Komponisten haben wir, gerade hier in Dresden, hervorragende geistliche Werke zu verdanken, die für mein eigenes Glaubensleben nach wie vor eine enorme Bedeutung haben. Wenn man eine Schütz-Motette mit den Psalmentexten singt, kann dies nur das Herz erfreuen. Ebenso kann ich bis zu Tränen ergriffen sein, wenn ich die Passionen des Heiligen Evangelisten Matthäus und Johannes von Johann Sebastian Bach höre. Menschen ohne tiefen christlichen Glauben, hätten solche Werke nicht schaffen können. Wiederum fühlen sich viele Menschen hier in Europa zu den großartigen Werken von Fjodor Dostojewski, mit denen er die Komplexität der menschlichen Seele zu ergründen versucht, hingezogen.

Angenommen, in eurer Familie kommt es zu Meinungsverschiedenheiten: Wie wird das gelöst?

Meinungsverschiedenheiten gehören, denke ich, zu einer normalen Ehe und Familie dazu. In den meisten Fällen können diese durch Kompromisse gelöst werden, die für alle Beteiligten annehmbar und vertretbar sind. In einer christlichen Familie liefert zudem das Evangelium gute Antworten auf solche Herausforderungen.

Was denkst du, warum viele Menschen heutzutage bereit sind, an etwas zu glauben (Gurus, Yoga, Universum etc.), was mit Gott, mit der wahren Kirche, nichts zu tun hat?

Das Problem liegt darin, dass immer mehr Menschen ohne christliche Prägung aufwachsen. Denn das Befassen mit christlichen Werten und Inhalten richtet den Charakter und die Bestrebungen in jungen Jahren oftmals aus. Deswegen sollte es auch für unsere vielen neuen Deutschen in den Gemeinden wichtig sein, als Ergänzung zu ihrem (neuen) orthodoxen Glauben, welcher das wichtigste Fundament in ihrem Leben bildet, auch unsere traditionelle christliche Kultur in Deutschland nicht zu vernachlässigen, insbesondere in Hinblick auf ihre Familien und Kinder. Je mehr unser seelisches Haus mit guten Inhalten gefüllt wird, desto schwieriger und unwahrscheinlicher wird es sein, dass sich darin böse Geister einnisten können (vgl. Mt 12,43–45; Lk 11,24–26).

Welche Aufgaben machst du in unserer Kirche?

Ich singe in unserer Gemeinde im Chor. Ansonsten helfe ich gerne dort mit, wo gerade Hilfe benötigt wird. In orthodoxen Gemeinden geschieht vieles auch spontan und aus der Situation heraus. Es gibt insofern eine recht dynamische Organisation. Man wird einfach angesprochen.

Was bedeutet für dich unsere kirchliche Gemeinde?

Unsere Gemeinde in Dresden bedeutet uns als Familie sehr viel. In ihr bin ich zum orthodoxen Glauben übergetreten, wurden meine Frau und ich verheiratet und unsere vier Kinder getauft. Als deutsch-russische Familie teilen wir mit vielen anderen Familien unserer Gemeinde ähnliche Bedingungen im Alltag und im kirchlichen Leben.

Als meine Frau und ich im Herbst 2013 in unsere Gemeinde gekommen sind, schenkte uns Vater Georgij von Anfang an sehr viel Aufmerksamkeit und Fürsorge und half uns immer sehr, dass wir gemeinsam in den orthodoxen Glauben hineinwachsen konnten. Meine Frau war zwar seit Kindheit in Russland orthodox getauft, aber auch ihr fehlte die kirchliche Praxis. So konnten wir beide all die Jahre gemeinsam diesen (neuen) Weg gehen. Dies hat uns beide auch sehr verbunden.

Was denkst Du, was ist das Wichtigste im Leben?

Ein Leben in Christus.

Gott, wer ist Er für dich?

Diese Frage möchte ich mit dem Nicaeno-Konstantinopolitanum beantworten: Er ist (in Seinen drei Hypostasen) der allmächtige Vater, der alles geschaffen hat; der vom Vater vor aller Zeit einziggezeugte Sohn Jesus Christus, der gezeugt und nicht geschaffen ist, mit dem Vater wesenseins ist, zu unserer Errettung Fleisch angenommen hat und menschgeworden ist (in Seinen Naturen unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt); und der lebenschaffende Heilige Geist, der aus dem Vater hervorgeht.

Aber kurz gesagt: Er ist mein ganzer Lebensinhalt.


Als ich diesen Artikel vorbereitete, habe ich sowohl meine eigenen Gedanken als auch die Antworten der jungen Leute immer wieder durchgelesen. Jedes Mal dachte ich darüber nach, wie erstaunlich unser irdisches Leben doch eingerichtet ist. Gott hat alles für uns vorgesehen. Man findet nicht zwei Schicksale, die einander gleichen wie zwei Wassertropfen. Im Evangelium hat Gott uns den Weg zu sich gewiesen, und ob wir zu Ihm kommen oder nicht, das liegt an uns. Es liegt daran, wie aufrichtig und offen wir Gott gegenüber zu sein bereit sind.

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir. (Offenbarung 3:20)

Geschrieben von Iana Ivanchuk